Korn­stra­ße ist Punk

Das UJZ in der Korn­stra­ße in Han­no­vers Nord­stadt. Ich hät­te nie gedacht, dass es das noch gibt. Damals: Punk-Hoch­zeit in Han­no­ver. Cha­os­ta­ge, Iros, Fähr­manns­fest. Wer kann sich noch erinnern? 

In einer Zeit vor Face­book und Mobiltelefon

Es muss Mit­te der 90er gewe­sen sein. Bevor die Cha­os­ta­ge end­gül­tig abge­schafft wur­den. Ich wohn­te gleich um die Ecke vom UJZ. Auch wenn ich kei­ne Pun­ke­rin war, flir­te­te ich ab und zu mit der Sze­ne. Pogo-Tan­zen war Klas­se. Ein Stück vom Schnei­de­zahn ist dabei mal flö­ten gegan­gen. Im UJZ Korn­stra­ße tropf­te schon kurz nach Kon­zert­be­ginn das Schwitz­was­ser von der gefühlt 1,90 m hohen Decke. Die Bands waren teil­wei­se ech­te Kra­cher, das Geträn­ke­an­ge­bot spar­ta­nisch, die Toi­let­ten ein tür­lo­ser Aben­teu­er­spiel­platz für Bak­te­ri­en­ko­lo­nien. Drau­ßen vor dem Ein­gang kotz­te man um die Wet­te. Es kam nie jemand mit einem Taschen­tuch, höchs­tens mit ’ner Fla­sche Bier zum Nach­spü­len. Nach Hau­se ging es erst nach Son­nen­auf­gang. Das war eine Zeit, als ich zwi­schen mei­nen Jobs im Bun­des­amt immer arbeits­los war, weil nur Zeit­ver­trä­ge geschlos­sen wur­den. Jedes Mal saß ich für ein bis drei Wochen auf der Stra­ße, muss­te zum Sozi­al­amt um Über­brü­ckungs­geld zu bean­tra­gen. Dort traf ich die alter­na­ti­ve Nord­städ­ter Kli­en­tel. Man trug Kapu­zen­pul­li und wohn­te im Bau­wa­gen auf dem Sprengelgelände.

Gepflo­gen­hei­ten der Nordstädter

Hat­ten wir uns beim War­ten auf dem Flur ken­nen­ge­lernt und fan­den uns gegen­sei­tig sym­pa­thisch, ging es anschlie­ßend zur Spar­kas­se, um den Scheck zu cashen, dann ins Bis­tro auf dem E‑Damm. Dort wur­de die frisch ein­ge­stri­che­ne Koh­le in ein lecke­res Baguette (ich lieb­te die Schar­fe Madame mit Voll­korn-Baguette­brot) und ein oder zwei Pöt­te Kaf­fee inves­tiert. Zum Kaf­fee gab’s immer ein After Eight dazu. Das war ’ne geschmack­li­che Sen­sa­ti­on. Wenn der Tag sich neig­te, muss­te man sei­ne Par­ty-Ein­la­dun­gen abklap­pern. Das war noch vor der Zeit der Han­dys. Man ging ein­fach los und dann war man halt da. Die Par­ty stieg spä­tes­tens beim Ein­tref­fen der Gäs­te, auch wenn man gar kei­ne Par­ty geplant hat­te. Das war näm­lich auch vor Facebook.

Fast wie früher

Heu­te dann, ich auf Zeit­rei­se. Nach einem Besuch bei Freun­den, trieb mich der Hun­ger in Rich­tung Innen­stadt und irgend­wie fiel mir dann das Bis­tro wie­der ein. (Es heißt wirk­lich nur Bis­tro und nicht Bis­tro Uschi oder so. Im Bis­tro wird näm­lich an allem Unnö­ti­gen gespart, nur das Essen, das ist spit­ze!) Auch auf die Gefahr hin, dass die Geschäfts­räu­me statt des Bis­tros heu­te einen Ein-Euro-Dings­bums­kram­la­den­ge­döns beher­ber­gen, stell­te ich mich mei­nem Hun­ger nicht in den Weg und rausch­te in die Nord­stadt. Weil ich als Land­ei mit dem Groß­stadt­ver­kehr etwas über­for­dert bin, lan­de­te ich unab­sicht­lich in der Korn­stra­ße. War aber in Ord­nung, weil man auf dem E‑Damm fürs Par­ken bezah­len muss. Ich such­te jen­seits der Wucher­park­buch­ten ein Plätz­chen für Puschen und mach­te mich auf den Weg zum Bis­tro. Ich wuss­te noch so unge­fähr auf wel­cher Höhe es liegt, bog um die Ecke und: Bin­go! Es war noch da, das gute alte Bis­tro. Ach, ich lie­be es, wenn sich man­che Din­ge nie ändern. Ich wur­de sogar erkannt, herz­lich begrüßt und nahm Platz. Dann kamen die Erin­ne­run­gen. Wie ich mal Ende der 80er mit mei­nem Freund, dem Schlag­zeu­ger einer bekann­ten Punk­band da war. Ich weiß nur noch, dass ich die gan­ze Zeit auf sei­nem Schoß sit­zen muss­te, weil der Laden aus allen Näh­ten platz­te. Wir saßen mit einem Hau­fen ziem­lich coo­ler Leu­te zusam­men, und ich war mäch­tig stolz auf mei­nen Pun­ker­freund. Der war näm­lich auch noch Rug­by­spie­ler. Hach, ein Traum­mann… Spä­ter, als ich um die Ecke wohn­te, war ich min­des­tens ein­tau­send­und­zehn mal im Bis­tro und habe mich durch die Kar­te gefres­sen und Kaf­fee mit After Eight genos­sen und doch hat­te sich mir die Sze­ne mit dem Schlag­zeug­punk­rug­by­spie­ler mehr ein­ge­brannt als alle ande­ren Anläs­se. Ich weiß noch, dass ich wei­ße Pumps zu einem schwar­zen Leder­kleid trug. Argh…! Die 80er… Schluss, mit Erin­ne­run­gen. Ich bekam mei­ne Schar­fe Madame. Sie schmeck­te ganz so, wie ich sie in Erin­ne­rung hat­te und die Pep­pe­ro­ni brann­ten sau­mä­ßig auf dem Gau­men. Ich betrach­te­te die Comic-Zeich­nung, die schon seit damals an einem Pfei­ler hängt. Ein Storch will einen Frosch ver­schlu­cken, doch der Frosch packt den Hals des Stor­ches und drückt fest zu. „Nie­mals auf­ge­ben!“ steht unter der Zeich­nung. Nein auf­ge­ben ist für die Betrei­ber des Bis­tros wohl kei­ne Fra­ge. Trotz der Sub­way-Filia­le gegen­über läuft der Laden. Irgend­wie war tat­säch­lich alles wie frü­her. Nur rau­chen darf man im Bis­tro nicht mehr.

Die­sen Bei­trag habe ich in 2016 ver­fasst. Das UJZ Korn­stra­ße ist immer noch ein Zen­trum der Nord­stadt-Kul­tu­ren, aber das Bis­tro gibt es nicht mehr.