Die alter­na­ti­ve Lebensform

Kön­nen wir nicht anders oder wol­len wir nicht? Exis­tie­ren Bar­rie­ren wirk­lich nur im Kopf? Muss ein frei­es Leben auf Kos­ten Ande­rer statt­fin­den? Darf ich das…? Ein phi­lo­so­phi­scher Ver­such, das Leben in der west­li­chen Gesell­schaft zu begrei­fen, indem man ein Rand­ge­biet aufsucht.

Die­ser Bei­trag ist unglaub­lich lang. Wer die Phi­lo­so­phie liebt, wird das mögen, wer die Auf­merk­sam­keits­span­ne eines Eich­hörn­chens hat (wie ich), kann mit den But­tons jumpen.

Immer die­ser Mainstream…

Über alter­na­ti­ve Lebens­for­men – und ich spre­che nicht von Pan­tof­fel­tier­chen – wur­de in letz­ter Zeit so viel geschrie­ben, dass einem davon ganz schwin­de­lig wer­den kann. Es scheint schick zu sein, alter­na­tiv zu leben. Gebil­de­te Men­schen machen das jetzt. Nicht wie in den 80ern, wo man noch hand­ge­strick­te Woll­so­cken oder einen Iro nebst Sicher­heits­na­del­pier­cing brauch­te, um als alter­na­tiv zu gel­ten. Inzwi­schen gibt es so vie­le alter­na­ti­ve Lebens­for­men, dass gera­de ein Kom­pen­di­um nach dem ande­ren dafür ent­wi­ckelt wird.

Mit Aus­zeich­nun­gen behäng­te Journalist*innen schmei­ßen sich für lebens­na­he Bericht­erstat­tung ins Aben­teu­er und schrei­ben dann ein Buch darüber.

Ver­öf­fent­licht wird dann eine gesäu­ber­te Fas­sung, die auch der Main­stream noch ver­steht. Denn zu viel des Alter­na­ti­ven ist nicht mas­sen­taug­lich. Zot­te­li­ge Ökos sind immer noch nicht hip, Punks fast aus­ge­stor­ben und die ech­ten Alter­na­ti­ven ein­fach zu anstren­gend, oder unter Auf­sicht des Staats­schut­zes. Sobald eine spi­ri­tu­el­le Kom­po­nen­te ein­fließt, sprin­gen die meis­ten Nor­mal­bür­ger eben­falls ab, bzw. gar nicht erst auf. Sie hal­ten es ent­we­der für eso­te­ri­schen Schwach­sinn oder für eine Ver­schwö­rungs­theo­rie. Jene, wel­che sich inten­si­ver für das The­ma alter­na­ti­ve Lebens­for­men inter­es­sie­ren, müs­sen wie Trüf­fel­schwei­ne nach Infor­ma­tio­nen schnüf­feln, für den Rest der Gesell­schaft gibt es in ange­sag­ten Medi­en also alter­na­tiv light.

Es erscheint so uner­hört gewagt zu sein, die­ses omi­nö­se alter­na­ti­ve Leben. Man könn­te ja sonst wo lan­den, mit­tel­los und fern der Hei­mat. Ohne Freun­de, in schlech­ter Gesell­schaft und kilo­me­ter­weit vom nächs­ten Ärz­te­haus. Die Bericht­erstat­tung zum The­ma wird auf­ge­so­gen wie ein Sci­Fi-Kri­mi und anschlie­ßend tief durch­ge­at­met. Ein Aben­teu­er zwi­schen Kapi­tel eins bis acht­zehn zu erle­ben ist um eini­ges beque­mer, als sich live und in Far­be in sel­bi­ges hin­ein zu begeben.

Wer jetzt denkt, es gibt hier Aben­teu­er-Bericht­erstat­tung, den muss ich ent­täu­schen. Hier gibt es lei­der geis­ti­ges, teil­wei­se spi­ri­tu­ell ange­haucht. Denn ich betrach­te die alter­na­ti­ve Lebens­form als Rei­se nach innen und nicht als Kreuz­fahrt in Pira­ten­ge­wäs­sern, ob wohl es sich mach­mal fast so anfühlt. Wer jetzt Angst vor geis­ti­ger Ver­seu­chung bekommt, kann ger­ne den Fern­se­her ein­schal­ten. Wo der Knopf ist, dürf­te bekannt sein. Die ganz Muti­gen erwar­tet (hof­fent­lich) eini­ges an Erkenntnissen.

Ja, die­ser Arti­kel ist ver­dammt lang, aber bleibt dran, Leute!

13. Novem­ber 2016: mein ers­tes Zusam­men­tref­fen mit dem Mit­tel­meer. Ich mache Pick­nick am Strand von Vil­a­no­va i la Gel­trú, nach­dem ich die ers­te Nacht mei­ner Rei­se nach Tarifa in Bar­ce­lo­na ver­bracht hat­te. Anschlie­ßend fuh­ren Puschen und ich wei­ter nach Tarragona.

Die Defi­ni­ti­on der alter­na­ti­ven Lebensform

Kaum ange­fan­gen, da wären wir schon beim ers­ten Pro­blem. Denn die alter­na­ti­ve Lebens­form gibt es nicht. Eigent­lich exis­tiert über­haupt gar kei­ne Form. Man kann kei­ne Back­form namens “Alter­na­ti­ve Lebens­form” bei Tchi­bo kau­fen – bei IKEA wür­de sie wohl BAKKE LEBBE hei­ßen – denn man muss sie sich selbst bas­teln. Das tut man indem man sie lebt. Dann nimmt sie von ganz allei­ne Form an. Am bes­ten bleibt man aber auch gar nicht bei einer Form. Son­dern formt immer wie­der neue Förm­chen. Eines nach dem anderen.

Doch zuerst steht da die Fra­ge nach der Defi­ni­ti­on. Eine alter­na­ti­ve Lebens­form zeich­net sich z. B. dadurch aus, dass sie aus der Rol­le fällt. Bei­spiels­wei­se geht der typi­sche Ver­tre­ter der alter­na­ti­ven Lebens­form oft kei­nem 9‑bis-17-Uhr-Job nach. Oder er/​sie hat kei­nen dau­er­haf­ten Wohn­sitz mehr und schreibt dar­über ein Blog (so wie ich). Oder die Per­son lebt zusam­men mit ande­ren Ver­rück­ten völ­lig aut­ark auf einem gelie­he­nen Stück Land, hat kein was­ser­ge­spül­tes Klo­sett und ern­tet Wild­kräu­ter in der Umge­bung. Zuwei­len ver­leiht sich die alter­na­ti­ve Lebens­form auch durch die schier end­lo­se Anein­an­der­rei­hung von ver­schie­de­nen Stu­di­en­gän­gen, in Kom­bi­na­ti­on mit so genann­tem „Con­tai­nern“ Aus­druck. Man­che Leu­te ver­ste­hen schon eine Arbeits­zeit­ver­kür­zung, einen Job im Medi­en­be­reich oder häu­fi­ge Rei­sen in fer­ne Län­der als alter­na­ti­ve Lebens­form, aber die las­se ich heu­te mal außen vor.

Die alter­na­ti­ve Lebens­form kommt ger­ne poli­tisch kor­rekt, anti-alles und mit dem Fin­ger in der Nase daher. Wer ein Blog oder einen Social-Media-Kanal betreibt, gar­niert das The­ma mit spi­ri­tu­el­len Sprü­chen auf Fotos mit Schmet­ter­lin­gen und Son­nen­strah­len. Zwar zählt es wohl auch irgend­wie als alter­na­ti­ve Lebens­form, wenn man sein Geld mit pein­li­chen Au&ritten in Fern­seh­sen­dun­gen ver­dient, aber das will ich hier man­gels Fern­seh­erfah­rung eben­falls außer Acht las­sen. So weit ich weiß, erfreut sich die­se Form der alter­na­ti­ven Lebens­füh­rung auch so gro­ßer Beliebt­heit, dass sie schon wie­der zum Main­stream gehört. Die alter­na­ti­ve Lebens­form an sich mag es eher bewusst, und ich hege ernst­haf­te Zwei­fel dar­an, dass Men­schen, die sich für Zuschau­er, die wie sediert vor der Glot­ze hän­gen, kör­per­lich und intel­lek­tu­ell ent­blö­ßen, so wirk­lich wis­sen, was sie da tun. Ich weiß zwar auch fast nie, was ich tue, aber des­sen bin ich mir zumin­dest voll und ganz bewusst.

Zusam­men­fas­send lässt sich defi­nie­ren: die alter­na­ti­ve Lebens­form bedeu­tet also, dass bewusst ein ande­rer Weg zu leben gewählt wur­de, der dann im Ide­al­fall immer wie­der einer kri­ti­schen Über­prü­fung unter­zo­gen wird. Um bewusst zu bleiben.

Denn wer sich nach 10 Jah­ren immer noch in der sel­ben Lebens­si­tua­ti­on wie zu Anfang der Mis­si­on befin­det, ist unter Umstän­den bloß einer Ideo­lo­gie ver­fal­len und soll­te dar­über bei pas­sen­der Gele­gen­heit ernst­haft nach­den­ken. Zwar ist es erlaubt, sei­ne ganz per­sön­li­che alter­na­ti­ve Lebens­form zu fin­den und dabei zu blei­ben, doch ich hal­te es für wahr­schein­lich, dass alter­na­ti­ve For­men den sel­ben Ver­lauf neh­men, wie alle Mode­er­schei­nun­gen. Frü­her oder spä­ter errei­chen sie den Tief­punkt ihres Span­nungs­bo­gens und dann sind sie im Main­stream ange­kom­men. Aus­ge­laugt, abge­stumpft und mut­los. Die alter­na­ti­ve Lebens­form hat also auch mit Mut und Ent­wick­lung zu tun. Mei­ne Mei­nung. Denn irgend­wie ist die alter­na­ti­ve Lebens­form auch eine Alter­na­ti­ve zu sich selbst. Das heißt, dass sie sich selbst immer wie­der neu erfin­det, sobald sie müde gewor­den ist. Der Span­nungs­bo­gen soll­te mei­nes Erach­tens stets neu jus­tiert wer­den. Ich den­ke, da stim­men mir vie­le Prak­ti­zie­ren­de zu.

Ein ver­las­se­nes Indus­trie­ge­bäu­de in Por­to. Im Hin­ter­grund eine moder­ne Wohn­an­la­ge mit Blick auf den Douro.

Ver­ant­wor­tung

Die alter­na­ti­ve Lebens­form trägt auch Ver­ant­wor­tung. Dafür, dass Ent­wick­lung geschieht. Des­halb ist sie wich­tig und des­halb ist es kei­ne Alter­na­ti­ve, wenn man sich zu ein paar Ein­ge­bo­re­nen ans Lager­feu­er setzt. Ursprüng­li­che, natur­na­he Lebens­for­men sind fan­tas­tisch und gut für Mensch und Natur, doch brin­gen sie inzwi­schen kei­ne gigan­ti­schen Din­ge wie Pyra­mi­den, Son­nen­tem­pel etc. mehr her­vor. Da aktu­ell aber alles in die­ser Welt irgend­wie sicht­bar, mess­bar und vor­zeig­bar sein muss, lie­gen die­se natur­na­hen Lebens­for­men gera­de nicht im Trend. Außer­dem ent­behrt ihnen die Kom­po­nen­te des alter­na­ti­ven, weil sie ja am Aus­gangs­punkt der Ent­wick­lung lie­gen. Alles was nach der ursprüng­li­chen Lebens­form kommt, ist sozu­sa­gen schon die Alternative.

Man ver­ste­he mich nicht falsch, ich plä­die­re hier nicht dafür, dass wir wie­der wie die ers­ten Men­schen leben sol­len, aber ich bin ein Natur­freund und wün­sche mir durch­aus eine Alter­na­ti­ve zum aktu­el­len Pro­duk­ti­ons­wahn der Indus­trie­na­tio­nen. Ich mag auch mein iPho­ne und mein Auto. Sie sind Ver­lin­kun­gen in den Rest der Welt für mich. Aber es ist wich­tig, die­se Din­ge nicht für das Ende der Fah­nen­stan­ge zu hal­ten. Die Ent­wick­lung auf sicht­ba­rer Ebe­ne – also z. B. die Errich­tung eines Bau­wer­kes unter Ver­wen­dung aktu­ells­ter tech­no­lo­gi­scher Errun­gen­schaf­ten, die Erfin­dung eines neu­en Haar­wuchs­mit­tels oder eben eines Smart­phones, sind nicht unbe­dingt nötig für die inne­re Ent­wick­lung, die Bil­dung des Geis­tes, die Selbst­er­kennt­nis. Abge­se­hen von dem Hoch­ge­fühl des Erfinders/​der Erfin­de­rin der jewei­li­gen Pro­duk­te im Moment des Geis­tes­blit­zes. (Am Ende könn­te dann sogar eine tie­fe Selbst­er­kennt­nis fol­gen, wenn bei­spiels­wei­se der Erfin­der einer Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fe erschreckt fest­stellt, dass sein geis­ti­ges Kind tiefs­te mensch­li­che Abgrün­de wider­spie­gelt. Aber das soll hier nicht The­ma sein.) Moder­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ge­rä­te stel­len iro­ni­scher­wei­se eine Meta­pher auf die wah­ren Kom­mu­ni­ka­ti­ons­fä­hig­kei­ten der Men­schen dar. Wir könn­ten näm­lich – platt aus­ge­drückt – ganz pri­ma per Gedan­ken­über­tra­gung mit dem Rest der Welt kom­mu­ni­zie­ren. Doch braucht es noch ein biss­chen, bis unse­re Spe­zi­es die­se Fähig­keit an sich ent­deckt und brauch­bar gemacht hat. So lan­ge müs­sen wir wohl noch Smart­phones kau­fen. Aber bit­te nicht jedes Jahr ein neu­es! Wegen der Umwelt…

Zufalls­fund beim Spa­zier­gang mit Lea in Cas­te­lo de Vide: die Rück­sei­te eines Stücks Kork­ei­chen­rin­de sieht aus, wie ein Pferdekopf.

Der Hype um die alter­na­ti­ve Lebensform

Zurück zum The­ma. Was mich an dem Hype um alter­na­ti­ve Lebens­for­men nervt, ist zum einen die Glo­ri­fi­zie­rung durch eini­ge ihrer Ver­tre­ter, zum ande­ren die media­le Aus­schlach­tung durch Möch­te­gern-Aben­teu­rer mit jour­na­lis­ti­schem Eifer und Hang zum rei­ße­ri­schen Selbst­ver­such. Denn eigent­lich ist die alter­na­ti­ve Lebens­form ein zar­tes Pflänz­chen, das zu einem gewal­ti­gen Baum her­an wach­sen kann und kei­ne Attrak­ti­on im Dis­ney Land. Wer rein geht, um sich für ein paar Wochen oder ein Jahr unter­hal­ten zu las­sen, um mal ein wasch­ech­ter Alter­na­ti­ver zu sein, oder auf Par­tys ’ne tol­le Sto­ry zum bes­ten geben zu kön­nen, hat die Sache nicht kapiert.

Alter­na­ti­ve Lebens­for­men muss man ersin­nen, kre­ieren, erschaf­fen und erar­bei­ten. Sie sind ein Akt der Schöp­fung und nicht des Nach­ma­chens. Eini­ge Pio­nie­re wis­sen das. Und wenn sie bewusst sind, dann erschaf­fen sie immer­fort neue Situa­tio­nen, in denen sie wie­der neue Aus­prä­gun­gen der alter­na­ti­ven Lebens­form erschaf­fen kön­nen. Wenn sie unbe­wusst sind, gera­ten sie in die Kapi­ta­lis­mus-Fal­le und ver­mark­ten ihre ein­mal gefun­de­ne Form als Life­style-Pro­dukt auf allen Social-Media-Kanä­len, die der Pla­net zu bie­ten hat. Der­weil ent­wi­ckeln sie sich zu Vorbildern/​Gurus für ande­re Lebens­hung­ri­ge, sah­nen ab, was nur geht und son­nen ihre fit­ten Bodys nach einer anstren­gen­den 4‑h-Woche im Dünen­sand von Bali.

Zwar nur so lan­ge, bis die Kara­wa­ne wei­ter zieht, zum nächs­ten Hype, doch der Trend zur alter­na­ti­ven Lebens­form kommt ja gera­de erst rich­tig in Fahrt. Es gibt also noch viel zu verdienen.

Wobei wir wie­der einen Bogen geschla­gen hät­ten und jetzt aber zum wesent­li­chen Kern kom­men: die alter­na­ti­ve Lebens­form als Mit­tel zur, bzw. als Aus­druck von, Selbst­er­kennt­nis. Tada!

Ich spre­che hier nur aus per­sön­li­cher Erfah­rung, bemü­he mich aber um maxi­ma­le Objek­ti­vi­tät. Los gehts. (Wir sind hier noch nicht fer­tig, Leute!)

Das Haus des Käpt’ns, das ich in Cabece­i­ras de Bas­to gehü­tet habe.

Rei­se ins Ungewisse

Ich wür­de die alter­na­ti­ve Lebens­form ger­ne als Rei­se ins Unge­wis­se beschrei­ben. Denn wenn man von Anfang an wüss­te, in wel­chem Teil des Uni­ver­sums man schließ­lich den Kof­fer aus­packt und die Toi­let­ten­ar­ti­kel auf der Abla­ge vor dem Bade­zim­mer­spie­gel arran­giert, braucht man die Rei­se qua­si gar nicht erst anzu­tre­ten. Man weiß ja alles schon, kann sich auf dem Sofa zurück leh­nen und ein Buch über alter­na­ti­ve Lebens­for­men lesen. 

Ich über­trei­be natür­lich. Auch wenn man sein Ziel kennt, kann die Rei­se Über­ra­schun­gen, tie­fe Ein­drü­cke und Her­aus­for­de­run­gen mit sich brin­gen, doch sobald man sich auf ein Ziel fokus­siert, blen­det man ande­re Desti­na­tio­nen aus.

Meis­tens ver­bin­det man das Ziel sogar mit einer Erwar­tung. Wie das Wet­ter dort ist, was man alles zu sehen bekommt und wie das Essen schmeckt. theo­re­tisch könn­te man also die Tex­te der Post­kar­ten schon im Vor­hin­ein ver­fas­sen. Dann braucht man kei­ne Rei­se­zeit damit zu ver­schwen­den, dass man sich abends über den klei­nen Schreib­tisch im Hotel­zim­mer beugt und krampf­haft ver­sucht, unter­halt­sa­me Epi­so­den über Tages­ak­ti­vi­tä­ten zu erzählen.

Nein, so läuft das nicht. Die alter­na­ti­ve Lebens­form braucht eine gro­ße Por­ti­on Unge­wiss­heit, um sich ent­fal­ten zu kön­nen. Denn aus einem alten Hut lässt sich kaum neu­es her­vor zau­bern. Es endet meist bloß wie­der mit einem wei­ßen Kaninchen.

Eine alter­na­ti­ve Lebens­form zu ent­wi­ckeln, bedeu­tet Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men. Für sich selbst, bzw. für sein Den­ken und Han­deln. Man schnürt sein Päck­chen und sagt sich los von der Abhän­gig­keit durch den Arbeits­platz, die Wohn­si­tua­ti­on und das sozia­le Umfeld. Infol­ge­des­sen wer­den sogar wei­te­re Ket­ten gesprengt. Durch mei­ne Umstel­lung von Voll­kas­ko-Men­ta­li­tät auf Noma­den­da­sein ist zum Bei­spiel die Aktie der Alli­anz-Ver­si­che­rung mög­li­cher­wei­se um min­des­tens zehn Punk­te gefallen…

Ver­ant­wor­tung für sich selbst zu über­neh­men, bedeu­tet für mich, dass ich Ent­schei­dun­gen bewusst tref­fe und Risi­ken in Kauf neh­me. Ich nut­ze nicht ein bestehen­des Mus­ter, in das ich mich ein­klin­ke. Ich kre­iere ein eige­nes Mus­ter, das mir mög­lichst viel Hand­lungs­spiel­raum und Frei­heit bietet.

Natür­lich emp­fin­den vie­le Men­schen weder ihren ver­meint­lich siche­ren Arbeits­platz, noch ihre Haus­rat­ver­si­che­rung als frei­heits­be­rau­bend. Ich ten­den­zi­ell schon. Vie­le ande­re eben­so. Ich erwäh­ne das ganz und gar wer­tungs­frei. Sicher­heit ist grund­sätz­lich nichts schlech­tes. Doch for­dert sie einen Tri­but, den ich nicht bereit bin zu zah­len. Sie ernährt sich von Leich­tig­keit und Krea­ti­vi­tät, von geis­ti­gem Wachs­tum und Enthu­si­as­mus. Durch ver­meint­li­che Sicher­heit ver­liert man eben­so sei­nen Kampf­geist, wird mani­pu­lier­bar und abhän­gig. Dreht der Arbeit­ge­ber an der Per­so­nal­schrau­be, wird man krank vor Angst und geht trotz­dem wei­ter brav zur Schicht. Erhöht die Ver­si­che­rung die Bei­trä­ge, schränkt man sich bei Ernäh­rung, Unter­hal­tung oder Akti­vi­tä­ten ein. Man ver­schul­det sich bis über bei­de Ohren um ein Eigen­heim zu erwer­ben, das ein­mal als Alters­vor­sor­ge die­nen soll oder inves­tiert sei­ne Koh­le in eine Pfle­ge­ver­si­che­rung, damit man ganz ent­spannt dem Schlag­an­fall, der einen pünkt­lich zum Ren­ten­ein­tritts­al­ter erwar­tet, ent­ge­gen sehen kann.

Wenn man sich also für eine alter­na­ti­ve Lebens­form ent­schei­det, ent­schei­det man sich auto­ma­tisch gegen die gän­gi­gen Sicher­heits­stan­dards. Man weiß, dass eines Tages Schwie­rig­kei­ten daher­kom­men könn­ten, das Alter mit all sei­nen Her­aus­for­de­run­gen sowie­so, aber man plant sie nicht als fes­te Grö­ße ein. Statt­des­sen setzt man mutig auf sei­ne per­sön­li­che Ent­wick­lung, bil­det sei­ne geis­ti­ge Fle­xi­bi­li­tät und hält damit meist auch den Kör­per lan­ge jung. Denn wer sein Ver­falls­da­tum nicht in vor­aus­ei­len­dem Gehor­sam im Kalen­der ein­trägt, hat durch­aus eine grö­ße­re Chan­ce auf Fri­sche bis ins Senio­ren­al­ter. Und defi­ni­tiv auf mehr Abenteuer.

Nach einem Wald­brand in der Regi­on Vila Real.

Das Leben als Dauerkrise?

Die alter­na­ti­ve Lebens­form bedeu­tet, Ängs­te zu kon­fron­tie­ren. Exis­tenz­angst, und die Angst vor dem Schei­tern. Kurio­ser­wei­se, die gro­ßen Gei­ßeln der Zivilisation.

Denn obwohl das sozia­le Auf­fang­netz in unse­ren Brei­ten­gra­den her­vor­ra­gend aus­ge­baut ist, las­sen uns die­se Ängs­te nicht in Frie­den. Es scheint sogar so, als ob sie pro­por­tio­nal zum all­ge­mei­nen Sicher­heits­grad eher stei­gen. End­ef­fekt ist, dass sich angst­ge­plag­te Cha­rak­te­re in immer mehr Auf­fang­net­ze ein­kau­fen, dadurch ihre Offen­heit ein­bü­ßen und Ver­ant­wor­tung auf Insti­tu­tio­nen abwäl­zen (sie­he oben).

Die­se Ängs­te zu kon­fron­tie­ren, bedeu­tet, sich zu öff­nen und zu erwei­tern. Sich ken­nen zu ler­nen. Sei­ne eige­ne, wah­re Stär­ke zu entdecken.

Es heißt, Kri­sen machen uns stark. Das liegt dar­an, dass wir in Kri­sen­zei­ten unse­re Mus­keln trai­nie­ren kön­nen. Mus­keln, die nor­ma­ler­wei­se schlaff und müde her­ab hän­gen. Der Mus­kel der Empa­thie, der groß­flä­chig unse­re Herz­ge­gend umspannt. Die Mus­keln der Offen­heit, die in unse­ren Armen sit­zen und uns die Fähig­keit geben, die­se ganz weit aus­zu­brei­ten. Um das Leben und alles was dazu gehört, will­kom­men zu hei­ßen. Und die uns Flü­gel ver­lei­hen. Dann die rie­si­gen Mus­keln des Enthu­si­as­mus´. Die unse­re Bei­ne von oben bis unten bede­cken und uns die Mög­lich­keit ver­lei­hen, immer wei­ter und wei­ter vor­an schrei­ten zu kön­nen. Nicht zuletzt die mas­si­ven Bauch­mus­keln, in denen der Mut sitzt. Der uns von Natur aus gege­ben ist und erst durch Erzie­hung abtrai­niert oder gegen uns selbst ver­wen­det wird. Mut, zu sich selbst zu ste­hen, Mut, sei­nen Weg zu gehen. Mut, sich für sei­ne tiefs­ten Wün­sche und zum Wohl ande­rer einzusetzen.

Die Schnell­kraft all die­ser Mus­keln wür­de uns direkt vor die Tür­schwel­le unse­rer größ­ten Schöp­fer­kraft kata­pul­tie­ren. Doch wir Men­schen haben meist ver­ges­sen, dass wir die­se Mus­keln über­haupt besitzen.

Erst in Aus­nah­me­si­tua­tio­nen erin­nern wir uns wie­der dar­an. Erst wenn alles um uns her­um zusam­men gebro­chen ist, und wir uns müh­sam aus den Rui­nen unse­res Lebens her­vor arbei­ten, bemer­ken wir, dass da etwas in uns schlum­mert. Eine Kraft, die uns über­le­ben lässt, die uns zu empa­thi­schen, offe­nen und enthu­si­as­ti­schen Men­schen macht. Durch Kri­sen­be­wäl­ti­gung ent­wi­ckeln sich unse­re längst ver­ges­se­nen Mus­keln wie­der, erin­nern uns dar­an, dass wir zu mehr im Stan­de sind, als brav unse­rer Arbeit nach­zu­ge­hen und nach Fei­er­abend vor dem Fern­se­her zu sit­zen, den wir uns im Son­der­an­ge­bot des ört­li­chen Elek­tronik­fach­han­dels von der schwer ver­dien­ten Koh­le gekauft haben.

Sich aus sei­nem gewohn­ten Umfeld zu lösen, Sicher­heits­be­dürf­nis­se über Bord zu wer­fen und Ängs­ten die Stirn zu bie­ten, bedeu­tet, eine Frei­heit zu leben, die sich immer mehr aus­baut und wei­ter ent­wi­ckelt. Men­schen, die aus frei­en Stü­cken die Kom­fort­zo­ne ver­las­sen haben, sind meist muti­ger als ande­re und offe­ner. Sie pro­bie­ren neue Wege aus, ler­nen stän­dig dazu. Sie bau­en vor­ge­fass­te Mei­nun­gen ab und über­kom­men Stück für Stück den inne­ren Schwei­ne­hund. Nur wer etwas selbst aus­pro­biert hat, kann sich auch ein ech­tes Bild davon machen. Zwar ist die mensch­li­che Wahr­neh­mung nicht objek­tiv, aber wer das weiß, kann jeder­zeit die Brenn­wei­te, die Ver­schluss­zeit und Blen­de nach­jus­tie­ren und das Bild neu auf­neh­men. Wer will, kann es auch anschlie­ßend mit Pho­to­shop bear­bei­ten, bis es ihm gefällt, aber das ist ein ande­res Thema…

Das Hei­li­ge Grab in Gör­litz. Einer mei­ner abso­lu­ten Lieb­lings­or­te auf die­ser Welt!

Das mensch­li­che Potenzial

Die alter­na­ti­ve Lebens­form bie­tet enor­me Mög­lich­kei­ten – auch für Men­schen, die sie nicht aus­üben. Doch sobald man aus einer geord­ne­ten Gesell­schaft aus­steigt, mutiert man zur Ziel­schei­be und schreckt zurück. Zuerst wird man über­haupt erst mal wahr­ge­nom­men. Dann bestaunt. Dann gebrand­markt. Als durch und durch ego­is­tisch. Man bekommt nichts gerin­ge­res als die Schuld für den Unter­gang der Zivi­li­sa­ti­on in die Schu­he gescho­ben. Zwar sägt man durch sei­nen Aus­stieg aus der gesell­schaft­li­chen Ord­nung tat­säch­lich am Ast der Zivi­li­sa­ti­on, doch das ist gut so. Denn ohne die Ver­wei­ge­rer wären Ver­än­de­run­gen an einem Sys­tem unmög­lich. Und ich spre­che von Ver­än­de­run­gen im Sin­ne von Ver­bes­se­rung (wobei die Ver­bes­se­rung oft erst so viel spä­ter als die Ver­än­de­rung ein­tritt, dass man die Stö­ren­frie­de gar nicht mehr als Initia­to­ren des Pro­zes­ses in Erin­ne­rung hat).

Das Ver­track­te ist, dass inzwi­schen vie­le Indi­vi­du­en bemerkt haben, welch unglaub­li­ches Poten­zi­al der Welt ver­lo­ren geht, so lan­ge eine Gesellscha& auf aus­ge­tre­te­nen Pfa­den wan­delt. Sich stän­dig wie­der­holt, ihre Metho­den repro­du­ziert und repro­du­ziert bis zum geht-nicht-mehr.

Ein Zitat aus dem Film Fight Club sagt es so tref­fend: “Ever­y­thing is a copy, of a copy, of a copy…” Doch um mein Poten­zi­al ent­fal­ten zu kön­nen, muss ich als Mensch über­haupt erst mal wis­sen WAS mein Poten­zi­al ist und dann muss ich es in die rich­ti­ge Atmo­sphä­re tra­gen kön­nen. Was nützt mir mein gan­zes Poten­zi­al, wenn ich kei­ne Umge­bung fin­de, in der es über­haupt zur Gel­tung kommt? Wenn ich, eine krea­ti­ve Visio­nä­rin, die Ver­wal­tungs­ab­tei­lung eines Unter­neh­mens betre­te, habe ich das Gefühl, in mei­nem Kopf geht das Licht aus. Betre­te ich dage­gen einen Bau­markt, dre­he ich förm­lich durch, vor Ideen­reich­tum; wür­de am liebs­ten den gan­zen Laden leer kau­fen und min­des­tens ein Baum­haus, eine Hun­de­hüt­te, drei Kat­zen­häu­ser und zwan­zig indi­vi­du­el­le Wohn­häu­ser mit Pool und Pfer­de­stall errich­ten. In mei­ner täg­li­chen Arbeit ist es ähn­lich. Kommt eine aus­ge­fal­le­ne Idee beim Kun­den an, wach­sen aus ihr her­aus wei­te­re Ideen. Wünscht sich der Kunde/​die Kun­din eine Stan­dard­lö­sung, die min­des­tens vier Mit­be­wer­ber schon erfolg­reich getes­tet haben, wächst nur noch der Frust, wäh­rend die Krea­ti­vi­tät zu einem ver­trock­ne­ten Kak­tus auf dem Fens­ter­sims ver­küm­mert und Spinn­we­ben ansetzt.

Die Mög­lich­kei­ten, die durch eine alter­na­ti­ve Lebens­form ent­ste­hen, lie­gen auf der Hand, denn nicht nur die Not macht er“nderisch, son­dern auch die Freiheit.

Nach­dem man den ers­ten Kul­tur­schock über­wun­den und sich erfolg­reich unter den ver­ba­len Angrif­fen von Spieß­bür­ge­rin­nen und Spieß­bür­gern weg­ge­duckt hat, kommt man in eine krea­ti­ve Pha­se. Meis­tens ver­pufft die dann erst ein­mal wieder.

Doch dann genießt man sein neu­es, unab­hän­gi­ges Leben mit der Zeit immer mehr und merkt, dass man sehr gut ohne Arbeit aus­kom­men kann. Wenn man genug Kra& getankt hat, greift man auch wie­der an, über­legt sich, was man für das Wohl der Mensch­heit oder die eige­ne Kas­se tun kann und wird aktiv. Jede Pha­se der Mut­lo­sig­keit, jede Schreib­blo­cka­de, jede Zeit der Unsi­cher­heit über den Sinn der Lebens­si­tua­ti­on, bringt einen nach vor­ne. Es ist wie mit den Gezei­ten. Mal steht einem das Was­ser bis zum Hals, mal sitzt man an einem wei­ßen Strand und lässt sich von der unter­ge­hen­den Son­ne zu gro­ßen Visio­nen inspirieren.

Man­che Läs­ter­zun­gen behaup­ten jedoch, dass man als Ver­tre­ter der alter­na­ti­ven Lebens­form nur den Müßig­gang zele­brie­ren will. Weder Ver­ant­wor­tung tra­gen, noch die Ren­ten­kas­sen fül­len will. Doch es ist ein Irr­tum zu glau­ben, dass alle Men­schen auf die Dau­er zum Müßig­gang fähig sind.

Man stel­le sich vor, wie ein Mensch, der tag­täg­lich in sei­nem Hams­ter­rad brav sei­ne Kilo­me­ter­leis­tung absol­viert, reagiert, wenn er mit einem Pro­blem kon­fron­tiert wird. Je nach Aus­las­tungs­grad wird die Reak­ti­on sein: 1. Ich küm­me­re mich spä­ter drum. 2. Irgend­wer muss sich dar­um küm­mern. 3. Wenn ich schon so hor­ren­de Steu­ern zah­le, war­um küm­mert sich nie­mand darum…?

Ein Mensch, der ent­spannt in einer Hän­ge­mat­te liegt, reagiert dage­gen eher so: 1. Über­legt, was zu tun wäre. 2. Ruft Freund/​Freundin XY an und bespricht das Anlie­gen. 3. Grün­det zusam­men mit Freun­den ein Start­up, wel­ches sich dar­um küm­mert, das Pro­blem für Men­schen im Hams­ter­rad zu lösen. Gegen Geld. Zack! Der Kreis schließt sich. Alle sind wir von­ein­an­der abhängig.

Die Tan­zen­den Tür­me in Ham­burg spie­geln sich in der gran­dio­sen Fas­sa­de des Luxus­ho­tels ARCOTEL Onyx.

Hoch­glanz­fas­sa­den

Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Klar, die alter­na­ti­ve Lebens­form ist nicht grund­sätz­lich geeig­net die Welt zu ret­ten und nicht alle Men­schen, die einem ange­pass­ten Leben den Rücken keh­ren, sind Empa­then. Ein Lebens­stil ohne Auf­fang­netz bringt die Leu­te eher dazu, sich für ande­re ein­zu­set­zen, weil sie wis­sen, wie sich Unsi­cher­heit anfühlt. Sie ken­nen die Löcher der sozia­len Auf­fang­net­ze, weil sie oft genug hin­durch gefal­len sind. Doch unter den – ich nen­ne sie mal moder­ne Aus­stei­ger – gibt es auch Hai­fi­sche. Sie nen­nen sich Entre­pre­neu­re. Sie leben davon, ande­ren Aus­stei­gern das Blaue vom Him­mel zu ver­kau­fen, was man hier wort­wört­lich neh­men kann. Sie ver­an­stal­ten Work­shops und geben Semi­na­re zum The­ma “Wie wer­de ich Entre­pre­neur und ret­te die Welt?”. Laut ihrer Aus­sa­ge haben sie stets hart für ihren Erfolg gear­bei­tet, wol­len Vor­bil­der sein und zele­brie­ren jeden Abend bis zum letz­ten Cock­tail den Gemein­schafts­sinn in ihren hip­pen Cowor­king­spaces. Obwohl es erscheint, als ob sie ihre eige­ne Kon­kur­renz aus­bil­den, schaf­fen sie sich ein Netz aus Abhän­gi­gen, die ihnen ein regel­mä­ßi­ges Ein­kom­men und spä­ter die Ren­te finan­zie­ren sol­len. Dass nicht alle Leu­te davon leben kön­nen, ein Rei­se­blog zu schrei­ben, ist ihnen klar. Des­halb rufen sie zum Wett­kampf um die bes­ten Geschäfts­ideen im Blog-Busi­ness auf und ölen damit genau das Hams­ter­rad, aus dem eigent­lich alle raus wollen.

Manch­mal habe ich das Gefühl, dass wir im Zeit­al­ter der Schnee­ball­sys­te­me leben.

Auch die Bewe­gung der alter­na­ti­ven Lebens­form wird davon nicht ver­schont. Meis­tens steht das Hams­ter­rad der moder­nen Aus­stei­ger halt auf einer bali­ne­si­schen Insel und nennt sich Cowor­king­space. Dank Remo­te-Jobs funk­tio­niert das Hams­ter­rad sogar fern­ge­steu­ert und dreht sich damit am Puls der Zeit.

Spaß bei Sei­te: man muss über­all um sei­ne eige­ne klei­ne Pflan­ze der alter­na­ti­ven Lebens­form kämp­fen – sogar unter Gleich­ge­sinn­ten. Und vie­le die­ser neu­mo­di­schen Alter­na­ti­ven haben sogar wirk­lich tol­le Ideen, wie man die Welt ein biss­chen bes­ser machen kann. Indem sie ande­re inspi­rie­ren, ihr Bes­tes zu geben und ihre wah­ren Talen­te in ein Start­up zu ste­cken, machen sie im Grun­de nichts falsch. Sie über­trei­ben es halt nur manch­mal mit dem Hype ums Entre­pre­neur­ship und schip­pern übers Ziel hinaus.

So weit so gut. Aber wie sieht denn nun mei­ne alter­na­ti­ve Lebens­form aus, und was hat die Welt davon? (Ich weiß, der Arti­kel ist so lang wie die Sonn­tags­aus­ga­be der FAZ.)

Blick auf den Atlan­tik, an der Küs­te von Porto.

Mei­ne Frei­heit ist grenzenlos

In mei­nem Fall befin­det sich die alter­na­ti­ve Lebens­form ein­deu­tig in einem flüs­si­gen, mach­mal gas­för­mi­gen, Aggre­gat­zu­stand. Ver­än­de­rung war schon immer mein Lebens­eli­xier und das spie­gelt sich gera­de in der Ober­flä­che mei­nes Lebensflusses.

Ich habe eine Basis­sta­ti­on, zie­he aber immer von Ort zu Ort. Ich woh­ne bei Freun­den, schla­fe in deren Gäs­te­zim­mer oder auf der Couch. Ich arbei­te von einem Lap­top aus, mei­ne Daten sind in einer Cloud. Um mich “nan­zi­ell über Was­ser zu hal­ten, habe ich einen klei­nen Job, den ich von unter­wegs aus­übe. Und ich habe einen sen­sa­tio­nel­len Freun­des­kreis, der mich in mei­nen Vor­ha­ben unterstützt.

Ich habe kei­ne Kin­der, kei­nen Ehe­mann und kei­nen Haus­kre­dit an der Backe. Mein Luxus­s­port­wa­gen (der Puschen) ist abbe­zahlt, mei­ne Möbel sind ein­ge­la­gert und die rest­li­chen Hab­se­lig­kei­ten woh­nen in mei­ner Basis­sta­ti­on. Ich bin frei.

Jetzt kann natür­lich jeder sagen, dass ich es ein­fach habe, doch auch ich habe mit ganz ordent­li­chen Hin­der­nis­sen zu tun. Denn das größ­te Hin­der­nis schlecht­hin sind mei­ne eige­nen Zwei­fel. An mir selbst, an der Rich­tig­keit mei­nes Lebenswandels.

Die­se Zwei­fel zu über­win­den, ist Auf­ga­be Nr. 1 und wohl auch die schwers­te von allen. Denn durch die­se Zwei­fel rei­se ich seit jeher mit ange­zo­ge­ner Hand­brem­se durchs Leben. Die Begleit­erschei­nun­gen sind finan­zi­el­le Nöte, gesund­heit­li­che Pro­ble­me und schlimms­te Depres­sio­nen. Bevor ich mich in die alter­na­ti­ve Lebens­form bege­ben habe, fühl­te mich nie am rich­ti­gen Ort und nie in den rich­ti­gen Umstän­den. Bis dann die Ver­zweif­lung so groß wur­de, dass ich die Reiß­lei­ne zog. Das Unter­wegs sein ist end­lich ein Schritt in die rich­ti­ge Rich­tung. Ein Sprung ins rich­ti­ge Ele­ment. Zwei­fel ver­spü­re ich den­noch, aber nicht in Hin­sicht auf mei­nen Lebens­stil an sich, son­dern ein­zig auf sei­ne Sozi­al­ver­träg­lich­keit. Mich plagt der Gedan­ke, dass ich das, was ich tue, nicht tun darf. Klingt idio­tisch, ist aber lei­der so.

Ich habe noch viel vor und viel zu ler­nen. Ich wer­de Bücher schrei­ben, über das Schei­tern, über das anders Sein und das geis­ti­ge Wachs­tum. Und ja, evtl. auch über die alter­na­ti­ve Lebensform…

Ich wer­de mei­nen Plan ver­fol­gen, per House-Sit­ting oder Work-and-Tra­vel durch die Lan­de zu kom­men und mir auf allen erdenk­li­chen Wegen klei­ne und gro­ße Geld­quel­len zu erschlie­ßen. Im wesent­li­chen wer­de ich mir Schritt für Schritt mei­nen ganz eige­nen, ein­ma­li­gen Weg der alter­na­ti­ven Lebens­füh­rung erschlie­ßen. Für die­sen Weg gibt es kei­ne Vor­ga­ben und er taucht in kei­nem Navi­ga­ti­ons­sys­tem auf. Er ist eigent­lich ganz leicht und den­noch vol­ler Her­aus­for­de­run­gen. Eben weil es für mich so schwie­rig ist, mich von dem Gedan­ken frei zu machen, dass ich etwas unmo­ra­li­sches tue, indem ich kei­nem regu­lä­ren Voll­zeit­job nach gehe.

Vie­le Leu­te bewun­dern mich für mei­nen Mut, obwohl es mich wesent­lich mehr Mut kos­ten wür­de, mich wie­der in ein “nor­ma­les” Leben zu inte­grie­ren. Die­ser los­ge­lös­te Lebens­stil fühlt sich für mich sehr natür­lich an. Als wäre ich dafür geschffen. Als wür­de ich direkt von einem Noma­den­volk abstammen.

Ich bin fest ent­schlos­sen, mei­ne Fähig­kei­ten sinn­voll ein­zu­set­zen. Für die All­ge­mein­heit und für mich selbst. Ich habe nach schlap­pen 47 Jah­ren Lebens­zeit tat­säch­lich her­aus gefun­den, dass ich nicht nur den Teil mei­ner Bega­bun­gen nut­zen kann, der sich in Lohn­zet­teln aus­zahlt. Ich bin ein Mul­ti­ta­lent. Ich kann pri­ma Image­tex­te schrei­ben, Web­sites kon­zi­pie­ren, gestal­ten und pro­gram­mie­ren, Druck­vor­la­gen erstel­len, Logos und umfas­sen­de Cor­po­ra­te Designs für gro­ße Fir­men ent­wer­fen. Im Prin­zip kann ich so ziem­lich alles ent­wer­fen, vom Apart­ment bis zur Luxus­yacht, von der Ein­bau­kü­che bis zum Rock­e­r­out­fit. Ich habe Zahn­tech­nik und Kar­to­gra­phie gelernt, kann kell­nern, zeich­nen, foto­gra­fie­ren, tisch­lern und pri­ma Vor­trä­ge hal­ten. Ich habe zwei Bücher geschrie­ben und im Inter­net veröffentlicht.

Ich besit­ze die Fähig­keit, die Wahr­heit hin­ter einer Aus­sa­ge oder Nach­richt zu erken­nen, und Gedan­ken zu lesen und kann manch­mal erstaun­lich prä­zi­se Ereig­nis­se voraussehen.

Ich mache Pau­se im win­ter­li­chen Spa­ni­en. Zu mei­nen Füßen sieht man den Puschen.

Frei­geist

Sicher­lich lie­ße sich mit all die­sen Bega­bun­gen auf unter­schied­li­che Wei­se Geld ver­die­nen. Doch gibt es diver­se Haken. Da wäre zum Bei­spiel das The­ma Nach­hal­tig­keit. Es macht mich ver­rückt, wenn ich Din­ge pro­du­zie­ren soll, die der Umwelt scha­den, Men­schen aus­beu­ten oder Mas­sen­tier­hal­tung unter­stüt­zen. Ich mag es nicht, schrot­ti­ge Arti­kel her­zu­stel­len oder zu bewer­ben, die kein Mensch wirk­lich braucht. Was ich tue, soll­te auch nie­man­den behin­dern, unter­drü­cken oder ver­un­glimp­fen. Selbst mei­ne sati­ri­schen Tex­te nicht… Ich will ich mei­ne Talen­te außer­dem nicht nur gegen Geld tau­schen, son­dern auch gegen Glück. Und das bedeu­tet zum Bei­spiel, dass ich mich nie auf eines mei­ner Talen­te begren­zen könn­te. Wenn ich dazu gezwun­gen wer­de, bekom­me ich unglaub­li­che Panik und blo­ckie­re auf allen Ebe­nen. Ich habe manch­mal den Ein­druck, dass mei­ne Krea­ti­vi­tät lei­det, sobald ich ein Preis­schild dran hän­gen oder mich für einen Bereich ent­schei­den muss. Aber grund­sätz­lich ist natür­lich über­haupt nichts dage­gen ein­zu­wen­den, Talen­te zu Geld zu machen.

Unter den Tätig­kei­ten, bei deren Aus­übung ich pure Glück­se­lig­keit ver­spü­re, sind auch vie­le, die man offi­zi­ell nur als Coach, Psy­cho­lo­ge oder Guru zu Geld machen kann. So kann ich zum Bei­spiel ande­ren Men­schen Unter­stüt­zung in so ziem­lich allen Lebens­la­gen bie­ten und ihnen Mut machen, ihren eige­nen Weg zu gehen. Ich kann Geschich­ten erzäh­len und gut zuhö­ren. Ich kann Ande­ren ein Bei­spiel sein, dafür, dass man sich sei­ne Frei­heit ein­fach neh­men darf. Dass man sein Glück nicht nur als bra­ves Her­den­tier mit Burn­out-Syn­drom ein­for­dern darf. Man darf, man muss, sein eige­nes, per­sön­li­ches und ein­ma­li­ges Leben prak­ti­zie­ren. Und man muss kein Mus­ter­kon­su­ment sein um die reichs­ten der rei­chen Wirt­schafts­bos­se noch rei­cher zu machen. Leis­tung hat vie­le Facet­ten. Doch in den Indus­trie­län­dern wird Leis­tung lei­der noch mit Arbeits­stun­den gleich gesetzt. Wer arbei­tet, bis zum Umfal­len, ist flei­ßig, wer arbei­tet und dabei Gewinn erwirt­schaf­tet ist leis­tungs­stark. Doch was ist mit der Leis­tung, die nicht per Lohn­steu­er­kar­te oder der schi­cken Visi­ten­kar­te eines CEO beleg­bar ist? Haus­frau­en und ‑män­ner, Men­schen, die Ange­hö­ri­ge pfle­gen, und ehren­amt­lich Täti­ge kön­nen ein Lied davon singen.

Ich bin ein Frei­geist und wer­de auch den Rest mei­nes Lebens die wil­des­ten Ideen produzieren.

Ich glau­be an Men­schen und nicht an Kon­zer­ne. Ich glau­be an Empa­thie und nicht an Kon­kur­renz­kampf. Ich ste­he für Frei­heit und Selbst­ver­wirk­li­chung und nicht für mess­ba­re Ergeb­nis­se. Gro­ße Tei­le der Mensch­heit äch­zen unter ihrer Belas­tung durch Arbeit und Fami­lie. Man­che schuf­ten rund um die Uhr, um gegen mie­se Bezah­lung unnüt­ze Din­ge zu pro­du­zie­ren und kön­nen sich oder ihre Fami­lie nur kaum über Was­ser hal­ten. Auch in unse­rer ver­meint­lich rei­chen Industriegesellschaft!

Ich sit­ze im Burg­dor­fer Holz und genie­ße den Aus­blick auf die Agrar­flä­chen mei­ner alten Hei­mat und eine herz­för­mi­ge Wol­ke. Mei­ne Con­ver­se-Schu­he als treue Beglei­ter auf allen (Um)Wegen.

Vie­le wol­len raus

Eini­ge Men­schen machen sich tat­säch­lich dar­über Gedan­ken, wie wir uns als Gesell­schaft aus dem teuf­li­schen Kreis­lauf aus Leis­tung und Kon­sum und mie­ser Bezah­lung und noch mehr Leis­tung befrei­en kön­nen. Die einen tun es als Wissenschaftler/​innen und Denker/​innen, die ande­ren pro­bie­ren ein­fach aus. Ich gehö­re zur letz­te­ren Grup­pe. Ich pro­bie­re aus und arbei­te mich suk­zes­si­ve aus dem bestehen­den Sys­tem her­aus. Das soll nicht zum Scha­den der Gesell­schaft sein, doch ist völ­lig klar, dass unser altes Soli­dar­sys­tem längt in dem oben erwähn­ten, irgend­wie dia­bo­li­schen Kreis­lauf gera­ten ist. Wenn man sich also nicht traut, aus dem Sys­tem aus­zu­schei­den, weil man die ande­ren nicht zusätz­lich belas­ten will, dann geht man unbe­wusst einen fau­len Kom­pro­miss ein. Das ist, als ob eine Grup­pe Leu­te bis zum Hals in einer Gül­le­gru­be steht und sich kei­ner traut her­aus zu klet­tern, weil dann der Pegel steigt. Das ist per­vers. Vor allem, da die Tier­fa­brik stän­dig für Gül­le-Nach­schub sorgt. Es endet nie, es sei denn man hat den Mut, als ers­ter aus­zu­stei­gen. Im Ide­al­fall stei­gen die ande­ren auch mit aus. Es sei denn, sie füh­len sich wohl. Ist ja auch schön warm in der Güllegrube.

Nie­mand ist gezwun­gen, das bestehen­de Sys­tem wei­ter am Leben zu hal­ten. Wer das tun möch­te, soll aber bit­te nicht die Aus­stei­ger für sei­ne eige­ne Unfä­hig­keit zur Ver­än­de­rung ver­ant­wort­lich machen.

Ich habe den­noch volls­tes Ver­ständ­nis dafür, dass vor allem Men­schen mit fami­liä­ren Ver­pflich­tun­gen ten­den­zi­ell kei­ne Lust auf Revo­lu­ti­on haben. Sie müs­sen teil­wei­se gewal­ti­ge Her­aus­for­de­run­gen schul­tern und kom­men in ihrem Hams­ter­rad wirk­lich nicht auf ande­re Gedan­ken (was ja Teil der Stra­te­gie des Hams­ter­rad-Sys­tems ist). Ich bie­te ihnen an, ein­fach für sie mit zu revoltieren.

Doch wie gesagt, muss jedes Exem­plar von Mensch­lein sei­nen eige­nen weg fin­den. Ein jeder trägt die Ver­ant­wor­tung für sein Glück. Auch eine Revo­lu­ti­on kann nie für alle etwas gutes bewir­ken, dazu sind die Bedürf­nis­se der Men­schen ein­fach zu unter­schied­lich. Der Witz ist, dass theo­re­tisch tat­säch­lich jeder Mensch die Fähig­keit besitzt, sein Glück zu pro­du­zie­ren. Lei­der sind irgend­wann mal ein paar Leit­ham­mel auf die Idee gekom­men, dass ahnungs­lo­se und ver­ängs­tig­te Schäf­chen leich­ter zur Folg­schaft gezwun­gen wer­den kön­nen. Man bestach den Wolf heim­lich mit Opfer­lämm­chen, damit er gele­gent­lich ein biss­chen um die Her­de her­um schlen­dert. Dann hat man den Grup­pen­zwang ganz cle­ver mit ein paar Aus­flü­gen auf nahe gele­ge­ne Blüm­chen­wie­sen ver­süßt und schon dach­ten alle Schäf­chen, dass das Leben außer­halb der Grup­pe nicht erstre­bens­wert ist.

Eine wun­der­schö­ne Mohn­blü­te im Gar­ten mei­ner Freun­din Andrea.

Das Fazit: von den Bes­ten lernen

Ich wür­de mei­ne Ideen von Ver­än­de­rung des­halb auch unglaub­lich ger­ne auf Unter­neh­mens­ebe­ne trans­por­tie­ren. Ich wür­de von Ort zu Ort, von Unter­neh­men zu Unter­neh­men zie­hen und für sie neue Ideen kre­ieren. Für Pro­duk­te, für das Mit­ein­an­der, für Ver­än­de­run­gen und einen Neu­an­fang. Ich wür­de davon erzäh­len, wie man auf wirk­lich neue Gedan­ken kommt. Wie es ist, immer mal wie­der auf den Hin­tern zu fal­len und trotz­dem wei­ter zu machen. Mit neu­en Ideen, statt mit alten Struk­tu­ren. Vie­le Unter­neh­men rei­ten zwar die Luxus-Wel­le der Feh­ler­kul­tur und ködern ihre Belegscha& mit aller­lei neu­mo­di­schem Schnick­schnack, doch häu“g nur des­halb, damit die Schäf­chen von sich aus wie die irren schu&en – um die Zuwen­dun­gen auch wirk­lich wert zu sein. Wenn jemand mit all­zu wil­den Ideen kommt, wird er meis­tens trotz­dem gefeuert.

So, das wars fürs ers­te. Wir fas­sen zusam­men: die alter­na­ti­ve Lebens­form ist ein leben­di­ges, orga­ni­sches Etwas, das jeder für sich neu er“nden muss. Man kann sich an vor­han­de­nen Bei­spie­len ori­en­tie­ren, soll­te aber schließ­lich sei­nen eige­nen Weg gehen. Denn es ist so enorm wich­tig für die­se Welt, dass jeder Mensch auch wirk­lich sei­nen indi­vi­du­el­len Bei­trag leis­tet. War­um sonst haben wir unter­schied­li­che Talen­te und Interessen?

Wir müs­sen von alten Vor­stel­lun­gen los kom­men. Vor allem davon, dass der Wert eines Men­schen nur an sei­ner brav ver­steu­er­ten Arbeits­zeit gemes­sen wird. Davon, dass unse­re Spe­zi­es grund­sätz­lich faul und däm­lich ist. Davon, dass unse­re Fähig­kei­ten Geschlech­ter spe­zi­fisch und nicht per­sön­li­chen Cha­rak­ters sind. Und erst recht davon, dass es zu dem Sys­tem aus Kon­sum­zwang, geziel­ter Fehl­in­for­ma­ti­on und Denun­zie­rung von Kri­ti­kern und Anders­den­ken­den kei­ne Alter­na­ti­ve gibt. Und nein, Bar­rie­ren bestehen nicht nur in unse­ren Köp­fen. Es gibt sie über­all. Aber die Bar­rie­ren im Kopf sind schlim­mer als die da drau­ßen. Wer glaubt, in sei­ner Frei­heit ein­ge­schränkt zu sein, wird es im Außen auch bestä­tigt bekom­men. Des­halb ist es so wich­tig, in den eige­nen Gedan­ken­ge­bäu­den ein paar Wän­de ein­zu­rei­ßen. Ich fas­se mich gera­de an mei­ne eige­ne Nase… Eine alter­na­ti­ve Metho­de ist es, ein­fach mit dem, was man errei­chen will, anzu­fan­gen. Wäh­rend ich unsi­che­re klei­ne Schrit­te in Rich­tung Frei­heit (mei­ne alternative/​losgelöste Lebens­form) unter­neh­me und in mei­nem Gedan­ken­ge­bäu­de immer grö­ße­re Löcher in die Wän­de haue, tas­te ich mich in unbe­kann­tes Ter­rain vor. Ziel ist es, das Gedan­ken­ge­bäu­de völ­lig nie­der zu rei­ßen. Kei­ne Vor­stel­lun­gen mehr davon zu haben, was wie zu sein hat, son­dern von innen her­aus zu leben und zu wir­ken. Im Ein­klang mit mir selbst und dem Rest der Welt. Die­sen Weg nen­ne ich Leben.

Irgend­wann ist es viel­leicht nicht mehr alter­na­tiv, son­dern Stan­dard. Im Ein­klang mit Allem zu sein, bedeu­tet das Ende aller Kon­flik­te. Die meis­ten Men­schen kön­nen sich das über­haupt nicht vor­stel­len. Macht nichts. Der Weg ist das Ziel. Jeder muss auf sei­ner eige­nen Bau­stel­le wir­ken. Doch bin ich davon über­zeugt, dass es eine Men­ge gutes bewir­ken kann, wenn wir Men­schen grund­sätz­lich offe­ner wer­den und auf­klä­re­ri­schen Bewe­gun­gen mehr Raum geben.

Das ist so ähn­lich wie mit den Zoo­tie­ren. Wür­den die Pfle­ger alle Gehe­ge öff­nen und den Zoo ver­las­sen, wür­den eini­ge Tie­re sofort ver­schwin­den, aber vie­le wür­den ver­wei­len und bis zum Hun­ger­tod auf die nächs­te Füt­te­rung war­ten. Man­che Tie­re wür­den viel­leicht auch erst nach einer Wei­le auf die Idee kom­men, sich vor­sich­tig nach drau­ßen zu tasten.

Ergo: unter­schied­li­che Cha­rak­te­re gehen unter­schied­li­che Wege und das ist in Ord­nung. Doch liegt es auf der Hand, dass die­je­ni­gen, die lie­ber ihre Frei­heit wol­len, von denen, die sich blind in ihr Schick­sal erge­ben haben, kei­ne Unter­stüt­zung erwar­ten kön­nen. War­um soll­te es umge­kehrt nicht genau­so sein? Also lau­tet die Ant­wort auf mei­ne Fra­ge zum Anfang die­ses Arti­kels: ja, ich darf das! Ich ertei­le mir hier­mit offi­zi­ell die Erlaub­nis zur alter­na­ti­ven Lebensform.

Ich bin zwar eher ein Freund davon, das eige­ne Den­ken stets zu hin­ter­fra­gen, möch­te hier den­noch ein berühm­tes Zitat von Ste­ve Jobs anhän­gen. Denn ich fin­de, er hat mit sei­nen Wor­ten den Nagel auf den Kopf getrof­fen. “Stay hun­gry, stay foo­lish”, hat er gesagt und als ein Vor­rei­ter in Sachen Inno­va­ti­on wuss­te er um die Bedeu­tung des när­risch-seins, wenn man Zukunfts­mu­sik kom­po­nie­ren will. Dass när­risch-sein in Deutsch­land nur zur Kar­ne­vals­zeit erlaubt ist, hal­te ich für sehr bezeich­nend. Um bei den Deut­schen kei­ne Irri­ta­ti­on aus­zu­lö­sen, wird sein Spruch des­halb ger­ne mit “Bleib hung­rig, bleib toll­kühn” über­setzt, aber das ist wirk­lich närrisch.

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