Die Köni­gin der Sei­den­fä­den – eine wah­re Geschichte

Vie­le alte Geschich­ten wur­den sorg­sam in blu­mi­ge Wor­te und fan­ta­sie­vol­le Schil­de­run­gen ver­packt, um sich nicht mit den Herr­schaf­ten anzu­le­gen, die man kri­ti­sie­ren woll­te. Ich woll­te die dra­ma­ti­schen Erleb­nis­se mei­ner jun­gen Prot­ago­nis­tin mög­lichst genau beschrei­ben, ohne die Köni­gin der Sei­den­fä­den zu beschä­men oder dis­kre­di­tie­ren. So ent­stand die­se Geschich­te. In blu­mi­gen Wor­ten und fan­ta­sie­vol­len Schilderungen.

Das König­reich des Erfolgs

Es war ein­mal eine wun­der­schö­ne, intel­li­gen­te und von allen bewun­der­te Köni­gin. Sie resi­dier­te auf einem beein­dru­cken­den Schloss, befeh­lig­te zahl­rei­che Die­ner und Hof­an­ge­stell­te und wach­te über die Geschi­cke ihrer Fami­lie. Alle Men­schen, die sie kann­ten, bewun­der­ten ihre schier uner­schöpf­li­che Tat­kraft. Das Anwe­sen war stets sorg­sam gepflegt, der Haus­halt wur­de vor­bild­lich geführt, der Gar­ten war ein Para­dies. Der König, die Prin­zes­sin­nen und die Prin­zen wur­den mit den köst­lichs­ten Spei­sen ver­wöhnt und in die bes­ten Gewän­der gehüllt. Was die Köni­gin auch anfass­te, wur­de unter ihren Hän­den zu Gold. Selbst für ihren magi­schen Gar­ten nahm sie sich Zeit, pfleg­te Blu­men, Kräu­ter und Bäu­me eigen­hän­dig mit Lie­be und gro­ßem Sachverstand.

Das Herz­stück ihres Rei­ches jedoch, waren ihre wun­der­vol­len Pfer­de. Die Trin­ker der Lüf­te. Nach­kom­men der fünf Stu­ten Moham­meds. Die Pfer­de strot­zen vor Kraft, Anmut und Stolz. Ihre Bewe­gun­gen waren Tän­ze und ihr Atem Poe­sie. Regel­mä­ßig wur­den der Köni­gin von Gesand­ten aus der gan­zen Welt gro­ße Schät­ze im Tausch gegen die Nach­kom­men die­ser Rös­ser gebo­ten. Nie­mand konn­te sich an ihnen satt sehen. Jeder woll­te sie besit­zen. So wur­de die Köni­gin mit dem Ver­kauf der Foh­len und dem hei­li­gen Saft der Hengs­te nach und nach immer wohl­ha­ben­der und ein­fluss­rei­cher. Der Königs­fa­mi­lie ging es außer­or­dent­lich gut, es wur­de von Son­nen­auf­gang bis Son­nen­un­ter­gang flei­ßig gewirt­schaf­tet, gefei­ert, gelacht und geliebt. Man leb­te in Har­mo­nie und Frie­den, reis­te durch die Lan­de um die wun­der­vol­len Pfer­de zu prä­sen­tie­ren und erfreu­te sich an der Ver­wirk­li­chung des Lebenstraumes.

Doch eines Tages begab es sich, dass ein äußerst unbe­lieb­ter Rei­sen­der vor dem Hof­tor auf­tauch­te: der Miss­erfolg – in Beglei­tung sei­ner geneig­ten Die­ner Neid und Hoch­mut. Mit einem die­bi­schen Grin­sen auf der häss­li­chen Visa­ge ver­lang­te er Ein­lass ins König­reich, begab sich ohne zu fra­gen in den Spei­se­saal der Haus­her­rin, setz­te sich in ihren Stuhl am Kopf der Tafel und ließ für sich und sei­ne Die­ner auftischen.

Der gie­ri­ge Dämon des Miss­erfolgs Gie­rig ver­schlang der Miss­erfolg nach­ein­an­der je einen gro­ßen Tel­ler Nächs­ten­lie­be, Für­sor­ge und Ver­trau­en, schüt­te­te sich meh­re­re Becher kost­ba­re Hin­ga­be in den Balg und ver­tilg­te anschlie­ßend noch drei Por­tio­nen Ver­ge­bung. Sei­ne Die­ner grif­fen mit ihren schmut­zi­gen Fin­gern nach den Schüs­seln vol­ler Selbst­ach­tung und den Plat­ten mit Gelassenheit.

Das Gela­ge dau­er­te Mona­te und Jah­re, unab­läs­sig wur­de Nach­schub ver­langt und ver­tilgt, bis nichts mehr da war. Schließ­lich mach­te es sich die wider­li­che Ban­de im Schlaf­ge­mach des Königs­paa­res breit und schlief ein. Ihr grau­en­haf­tes Schnar­chen schall­te durch die Räu­me, durch den Gar­ten und über die Wie­sen und Wäl­der des könig­li­chen Anwe­sens, bis in die ent­fern­tes­ten Dör­fer. Bald wuss­te das gan­ze König­reich Bescheid und die Bewoh­ner began­nen sich über die selt­sa­men Vor­komm­nis­se im Königs­haus zu unter­hal­ten. Gar alp­traum­haf­tes wuss­te man zu erzäh­len. Über Strei­te­rei­en um Gold und Geschmei­de, betrü­ge­ri­sche Geschäf­te, Geheim­nis­krä­me­rei, boden­lo­se Ver­schwen­dung und Raffgier.

Die Ereig­nis­se hin­ter­lie­ßen tie­fe Spu­ren an den Betei­lig­ten Par­tei­en. Immer klein­li­cher wur­den die Strei­te­rei­en, immer här­ter die Anschul­di­gun­gen. Der Zwist unter den Mit­glie­dern der Königs­fa­mi­lie wei­te­te sich auf die Bediens­te­ten aus und lock­te schließ­lich win­di­ge Geschäf­te­ma­cher aus weit und fern. Jeder woll­te an der Ver­brei­tung der Neu­ig­kei­ten aus dem Hau­se der Köni­gin ver­die­nen. Aber­tau­sen­de Schrift­rol­len wur­den unter das gemei­ne Volk gebracht, beweg­te Bil­der auf­ge­zeich­net und von bösen Zun­gen die Wahr­heit neu erfun­den. Schließ­lich brach das König­reich entzwei.

Die Köni­gin litt ent­setz­li­che Qua­len, weil ihr das Reich unter den Fin­gern zer­fiel. Sie tausch­te eini­ge ihrer gelieb­ten Pfer­de gegen Zah­lungs­mit­tel, um Anwäl­te mit der Ver­tei­di­gung ihrer Güter beauf­tra­gen zu kön­nen. Sie trug zahl­lo­se Duel­le mit ehe­ma­li­gen Bediens­te­ten und Mit­glie­dern ihrer eige­nen Fami­lie aus, beschrieb tau­sen­de Blät­ter aus Per­ga­ment um ihre Wahr­heit zu berich­ten und kämpf­te wie eine Löwin um ihr Lebens­werk. Doch das Gan­ze setz­te ihrer Gesund­heit fürch­ter­lich zu.

Tag für Tag, Monat um Monat alter­te die Köni­gin mit zuneh­men­der Geschwin­dig­keit. Ihre eins­ti­ge Schön­heit begann zu ver­blas­sen und ihre Stär­ke ver­wan­del­te sich in Starr­köp­fig­keit. Und je ver­bis­se­ner sie ihre Stand­punk­te ver­tei­dig­te, des­to mehr ent­glitt ihr die Macht über ihr Königreich.

Ein alter Weg­ge­fähr­te der Köni­gin traf eines Tages auf ihrem Anwe­sen ein, weil er von den Nöten sei­ner Freun­din gehört hat­te. Er hat­te Haus und Hof den Geld­ein­trei­bern eines ande­ren mäch­ti­gen Rei­ches über­las­sen müs­sen und die Flucht ergrif­fen. Somit war er frei von allen Ver­bind­lich­kei­ten, konn­te blei­ben und der Köni­gin helfen.

Mun­ter und vol­ler Ener­gie nahm der die Arbeit auf dem Anwe­sen auf und ret­te­te so das Gan­ze vor dem wei­te­ren Ver­fall. Dadurch schöpf­te auch die Köni­gin wie­der Kraft. Gemein­sam mit ihrem alten Weg­ge­fähr­ten arbei­te­te sie Tag und Nacht im Geschäfts­zim­mer, im Stall und im Gar­ten und stell­te auch neue Bediens­te­te ein. Doch die Trau­er über den Ver­lust ihrer Fami­lie und den eins­ti­gen Glanz ihres Lebens­wer­kes ver­schlech­ter­ten den Gesund­heits­zu­stand der Köni­gin wei­ter und wei­ter. Eines Tages kam sie zu dem Ergeb­nis, dass mehr neue Schaf­fens­kraft nötig sei und ließ alle Län­der nach geeig­ne­ten Fach­kräf­ten absuchen.

Die ers­ten Bewer­ber, wel­che ihr vor­ge­führt wur­den, ent­spra­chen nicht ihren Vor­stel­lun­gen. Die Gestal­ten waren ihr zu abge­ris­sen, zu unfä­hig oder zu bequem. Wei­te­re Bewer­ber muss­ten gesich­tet und geprüft wer­den, jedoch schien es, als sei­en die Ansprü­che der Köni­gin zu uni­ver­sell, um eine pas­sen­de Per­son zu fin­den. Man wür­de die Tätig­keit auf vie­le Schul­tern ver­tei­len müs­sen, dach­te sich die Köni­gin, doch plötz­lich geschah die Wen­de: eine jun­ge, kräf­ti­ge und vol­ler Elan ste­cken­de Frau tauch­te wie aus dem Nichts mit ihrem Wagen auf, erklär­te sich spon­tan bereit mit der Köni­gin und ihrem Weg­ge­fähr­ten an einem Strang zu zie­hen und schlug ein beschei­de­nes Lager im Schloss auf.

Die Ret­tung naht

Die­se jun­ge Frau im Kna­ben­ge­wand war schein­bar die Ret­tung. Sie kann­te sich in den ver­schie­dens­ten Gewer­ken und Geschäf­ten aus, war gescheit und flei­ßig. Gleich pack­te sie ihre Werk­zeu­ge aus und mach­te sich an die Arbeit. Sie ver­fass­te Schrif­ten für die Köni­gin, half die Gemä­cher zu rei­ni­gen und wur­de in die Geschäf­te des Hofes ein­ge­weiht. Sie ging der Köni­gin zu Hand, wo es nötig war und erle­dig­te alle Auf­ga­ben mit Bra­vour. Sie schien ein gutes Herz zu haben, war immer freund­lich und auf­merk­sam und hat­te für alles und jeden ein offe­nes Ohr.

Die Herr­sche­rin und ihr Weg­ge­fähr­te trau­ten ihren Augen und Ohren kaum. Über­wäl­tigt von dem Enga­ge­ment der jun­gen Frau, boten sie ihr sogar vol­ler Freu­de die Teil­ha­ber­schaft an dem König­reich an.

Alles schien per­fekt. Man hat­te eine zuver­läs­si­ge Mit­strei­te­rin gefun­den und glaub­te wie­der an die Zukunft. Man wür­de nun die bösen Dämo­nen, wel­che das König­reich über Jah­re hin­weg gepei­nigt hat­ten, davon­ja­gen kön­nen und es allen Nei­dern und Kri­ti­kern zei­gen. Aller­dings hat­te man die Rech­nung ohne den Wirt gemacht.

Die Dämo­nen des Bösen dach­ten nicht im ent­fern­tes­ten dar­an, ihre Hoheit über das König­reich und alle Men­schen dar­in auf­zu­ge­ben und rie­fen die geball­te Macht der Dun­kel­heit zusam­men. Zu tau­sen­den fie­len die fins­te­ren Wesen­hei­ten über die Köni­gin her, schüt­tel­ten sie durch, bis ihr fast die Kno­chen bra­chen, über­häuf­ten sie mit Erin­ne­run­gen an schlim­me Zei­ten, plag­ten ihren Kör­per mit immer neu­en Schmer­zen und ihren Geist mit Zwei­feln, Miss­trau­en und Ängsten.

Statt die jun­ge Frau wei­ter in die Geschäf­te des Hof­be­trie­bes ein­zu­wei­sen, über­flu­te­te man sie fort­an mit Kla­gen über schlech­te Dienst­leis­tun­gen der Hof­an­ge­stell­ten und Betrugs­vor­wür­fen gegen Vasal­len des König­rei­ches. Man ließ sie wie­der und wie­der die Tep­pi­che klop­fen und das Sil­ber polie­ren, schick­te sie von hier nach dort und hat­te kei­ne Zeit, sich ihrer Wei­ter­bil­dung zu wid­men. Die Jun­ge Frau büß­te ihren Enthu­si­as­mus mit jedem Tag mehr ein und die Köni­gin ver­lor die Kon­trol­le über ihr Reich erneut. Sie ver­schanz­te sich hin­ter ihren Lei­den, wur­de zuneh­mend kon­fus und erging sich in aus­schwei­fen­den Schil­de­run­gen von see­li­schen Ver­let­zun­gen und Krank­heits­sym­pto­men der ver­gan­ge­nen Jah­re. Es war, als hät­te das Böse die Köni­gin voll­ends in sei­ne Gewalt gebracht. Ihr einst gol­de­nes Herz ver­lor sei­nen Glanz, ihr Kör­per ver­fiel. Inner­halb weni­ger Tage leis­te­ten die bei­den Vasal­len des Teu­fels – Krank­heit und Angst – gan­ze Arbeit. Lie­be, Ver­trau­en und Hoff­nung lös­ten sich in Rauch auf. Statt die wich­ti­gen Din­ge in Angriff zu neh­men, blieb man in klein­li­chen Kämp­fen des All­tags hän­gen. Alles war der Köni­gin eine Last. Sie konn­te nicht schla­fen, nicht ruhen und fast nichts mehr wertschätzen.

Blick in den Abgrund

Inner­halb kur­zer Zeit wur­de es der jun­gen Frau zu viel. Die tra­gi­sche Geschich­te des König­rei­ches leg­te sich wie eine Schlin­ge um ihren Hals und nahm ihr die Luft zum Atmen. Hat­te sie zu Anfang nur den eins­ti­gen Glanz des Rei­ches unter der Staub­schicht gese­hen, so wur­de sie sich nach und nach der schier zahl­lo­sen Bau­stel­len gewahr. Lieb­te sie zu Anfang noch die Wil­lens­stär­ke der Köni­gin, so ver­zwei­fel­te sie inzwi­schen an deren stren­gen Regeln und Sprung­haf­tig­keit. Sie woll­te der Köni­gin alles Recht machen und fürch­te­te zu schei­tern. Angst mach­te sich auch in ihr breit, Ner­vo­si­tät und Unsi­cher­heit nag­ten an ihrer Schaf­fens­kraft. Hin­zu kam, dass die jun­ge Frau sich in dem Schloss nicht wohl füh­len konn­te. Unge­zie­fer, Schmutz, Unord­nung und eine krank­haf­te Sam­mel­lei­den­schaft der Köni­gin mach­ten ihr schwer zu schaf­fen. Ganz zu schwei­gen von der hygie­ni­schen Her­aus­for­de­rung durch einen när­ri­schen Die­ner, mit dem sich die jun­ge Frau den Wasch­zu­ber tei­len muss­te. Die Schat­ten­sei­ten des König­rei­ches wirk­ten von Tag zu Tag furcht­erre­gen­der – die Näch­te waren schlaf­los und erschöpfend.

Schließ­lich kam der Tag an dem die jun­ge Frau so sehr von Ver­zweif­lung gepackt wur­de, dass auch sie die Flucht ergrei­fen woll­te. Doch hat­te sie wirk­lich alles ver­sucht? War die Lie­be zu den wun­der­vol­len Pfer­den, der Köni­gin und deren treu­em Weg­ge­fähr­ten nicht eigent­lich die gan­ze Mühe wert? Hat­te sie nicht längst ver­spro­chen, treu und flei­ßig dem König­reich zu neu­em Glanz und Ruh­me zu ver­hel­fen? Wäre es ihr wirk­lich nicht mög­lich, ein paar Mona­te lang auf Bes­se­rung der Umstän­de zu war­ten? Wür­de sie sich viel­leicht an den Krab­bel­zoo in ihrem Schlaf­ge­mach gewöh­nen? Wür­de die Herr­sche­rin wie­der zu sich fin­den und gelas­se­ner werden?

Eine Audi­enz bei der Köni­gin am nächs­ten Tag soll­te Klar­heit schaf­fen. Die jun­ge Frau wür­de ihre Sor­gen und Nöte unter­tä­nigst vor­brin­gen, den Herr­schaf­ten eine Lösung kre­den­zen und fort­an glück­lich und zufrie­den ihren Dienst leis­ten. Doch es kam anders.

Am Tag der erhoff­ten Audi­enz bra­chen wie­der neue Über­ra­schun­gen, Pro­ble­me und Auf­ga­ben über die Köni­gin her­ein. Ihre Ner­ven waren zum zer­rei­ßen gespannt. Statt Ver­ständ­nis für die Nöte der jun­gen Frau, hat­te die Her­rin nur Wor­te der Kri­tik, des Zwei­fels und des Zorns parat. Ein Miss­ver­ständ­nis jag­te das ande­re und schließ­lich schick­te die Köni­gin die jun­ge Frau wie­der zum Tep­pi­che klop­fen. In dem Augen­blick brach etwas in der jun­gen Frau entzwei.

In gro­ßer Eile pack­te sie ihre Hab­se­lig­kei­ten zusam­men und fuhr den Flucht­wa­gen vor. Doch als sie sich höf­lich von der Köni­gin ver­ab­schie­den woll­te, offen­bar­te die­se end­gül­tig ihre häss­li­che Sei­te. Sie bezich­tig­te die jun­ge Frau der Rück­sichts­lo­sig­keit und über­zog sie mit Vor­wür­fen. Sie sprach von angeb­li­chen Feh­lern und rühm­te sich selbst der Groß­zü­gig­keit gegen­über den zahl­rei­chen Unzu­läng­lich­kei­ten der jun­gen Frau. Die Ange­spro­che­ne konn­te kaum an sich hal­ten, erkann­te aber die Aus­sichts­lo­sig­keit dar­in, sich mit den Dämo­nen der Köni­gin auf ein Wort­ge­fecht ein­zu­las­sen. Sie hielt es für bes­ser, schnellst­mög­lich den Rück­zug anzu­tre­ten und ihren Wagen zu bepacken.

Die Flucht der Heldin

Aller­dings waren im Schloss wei­te Wege zurück zu legen und das ihr über­las­se­ne Schlaf­ge­mach muss­te auch noch wie­der her­ge­rich­tet wer­den. So zog sich die Flucht­vor­be­rei­tung hin und die Köni­gin nutz­te jede Gele­gen­heit, die jun­ge Frau mit Wor­ten zu bespu­cken. Ent­täu­schung, Wut und Herrsch­sucht bra­chen mit vol­ler Kraft aus ihr her­vor. Wie ein Dämon wusel­te sie umher und ver­such­te abwech­selnd mit stra­fen­den Wor­ten und aller­hand Lock­mit­teln wie­der Macht über die jun­ge Frau zu erlan­gen. Die­se ließ sich jedoch nicht mehr über­wäl­ti­gen. Bis auf weni­ge schwa­che Augen­bli­cke, in denen sie der Köni­gin ihre eige­ne Ver­zweif­lung ent­ge­gen schrie, nahm sie sich mit aller Kraft zusam­men. Sie kann­te die schlimms­ten aller bösen Dämo­nen per­sön­lich und wuss­te, dass man ihnen nur durch Nicht­be­ach­tung ent­kommt. Als die Köni­gin mit ihrem Spiel kei­nen Erfolg hat­te, begab sie sich zu den ande­ren Bediens­te­ten im Schloss und ver­such­te dort Ver­bün­de­te zu fin­den. Mit herz­zer­rei­ßen­den Lei­dens­be­kun­dun­gen zog sie das Mit­ge­fühl der Die­ner auf sich und ließ so ihre Wun­den ver­sor­gen. Soll­te die jun­ge Frau doch gehen! Man hat­te sich ja schließ­lich gewal­tig in ihr getäuscht. Und so schloss sich der Teu­fels­kreis aus Hoff­nung und Ent­täu­schung wie­der, der das König­reich umgab. Man ließ die jun­ge Frau zie­hen, als wäre sie eine Gefal­le­ne. Ohne Wor­te des Abschieds dreh­te man ihr den Rücken zu und wid­me­te sich wie­der dem Tages­ge­schäft – und sei­nen Klagen.

Selbst­er­kennt­nis einer Heldin

Die jun­ge Frau lebt nun vor­über­ge­hend im Exil, genießt ihr gepfleg­tes und bestän­di­ges Umfeld und ver­ar­bei­tet die Erleb­nis­se auf dem Schloss. Sie weiß längst, dass jede Erfah­rung im Leben wich­ti­ge Erkennt­nis­se nach sich zieht, doch in der Begeg­nung mit der Köni­gin durf­te sie eine ganz beson­ders heik­le Bot­schaft ent­de­cken: die der wahr­haf­ti­gen Selbsterkenntnis.

So wur­de aus dem kur­zen Aus­flug in die dun­kels­ten Ecken der Macht ein sehr hel­les Licht für den wei­te­ren Weg. Denn alles, was sich ihr Leben lang immer wie­der lei­se und laut bemerk­bar gemacht hat­te, war in die­ser schick­sal­haf­ten Begeg­nung end­gül­tig klar gewor­den: die Klein­lich­keit, die Selbst­zwei­fel, das Ver­ur­tei­len und Kri­ti­sie­ren, das Miss­trau­en, die Stur­heit, die Mani­pu­la­ti­on und das sich Ver­ir­ren auf unwich­ti­gen Neben­schau­plät­zen. All das lag auch in ihr, der jun­gen Frau, die selbst so vom Leben gebeu­telt wor­den war. Nun erkann­te sie den Teu­fels­kreis, der ihren eige­nen Lebens­weg bestimmt hat­te und ihr inne­res Licht ver­dun­kel­te. Und so konn­te sie Dank­bar­keit erfah­ren. Dank­bar­keit gegen­über der Köni­gin und ihrem treu­en Weg­ge­fähr­ten, weil sie ihr, ohne es zu ahnen, die Chan­ce gege­ben hat­ten, sich selbst zu erken­nen. Und somit offen­bar­ten sie ihr auch den Glanz, der unter allem ver­bor­gen ist: die wah­re Kraft der Lie­be und die schöp­fe­ri­sche Ener­gie, die aus der Span­nung zwi­schen zwei Polen erwächst. Denn das Gute liegt im Bösen ver­bor­gen und umge­kehrt. Es ist ein Irr­tum der Mensch­heit, dass man das Eine ohne das Ande­re fin­den kann. Dar­in liegt die größ­te Enttäuschung.

Doch Hil­fe steht immer bereit: es ist die Beja­hung des­sen, was man schlech­tes an ande­ren erkennt, denn damit bejaht man die Schat­ten in einem selbst. Und aus die­ser Akzep­tanz kann bedin­gungs­lo­se Lie­be erwa­chen. Selbst­lie­be. Nächstenliebe.

Also hal­tet die Augen auf. Seht ganz genau hin, wenn Ihr Unan­ge­neh­mes in den Men­schen um Euch her­um ent­deckt. Denn Ihr ent­deckt Euch selbst. Legt den Fin­ger in Eure Wun­de und hört nicht auf, bis Ihr sagen könnt, dass Ihr Eure Schat­ten­sei­ten aner­kannt habt. Ein Mensch, der zu sei­ner Unvoll­kom­men­heit steht, kann auch ande­ren zuge­ste­hen, Feh­ler zu machen. Wer noch glaubt, er hat sei­ne Dämo­nen alle im Griff oder ist ganz ein­fach feh­ler­los, wird Ande­re wei­ter kri­ti­sie­ren. Damit kata­pul­tiert er sich gera­de­wegs in die Hän­de jener macht­vol­len Kräf­te, die den Zwist unter den Men­schen forcieren.

Und noch etwas hat die jun­ge Frau erkannt: Selbst­wert­schät­zung soll­te man sich bedin­gungs­los ent­ge­gen brin­gen. Zu glau­ben, dass man erst wert­voll ist, wenn man von ande­ren Men­schen Aner­ken­nung erfährt, ist ein Fass ohne Boden. Denn jeder Dienst nährt das Gefühl, noch mehr leis­ten zu müs­sen und führt in die Knechtschaft.

So streut die­se wert­vol­le Bot­schaft, auf dass Ihr erwachet

Lie­be Men­schen, seid lie­ber unab­hän­gig von Aner­ken­nung und küm­mert Euch um das eige­ne Wohl­erge­hen. Damit könnt Ihr der Welt genug Gutes tun. Jeman­den zu hel­fen ist nicht falsch – es dient nur nicht dazu, die eige­nen Defi­zi­te wett zu machen. Um Selbst­er­kennt­nis und Selbst­lie­be kommt nie­mand her­um. Sie bil­den die pul­sie­ren­de Essenz, die sich im Innern des stän­dig rotie­ren­den Kerns den Ihr „Mein Leben“ nennt, befindet.

Und die Moral von der Geschicht’: ver­such zu ret­ten die Köni­gin nicht. Vor Allem dann nicht, wenn sie in einem Schloss mit kilo­me­ter­lan­gen Spinn­we­ben lebt. Denn in die­sen sei­de­nen Fäden haben sich mög­li­cher­wei­se zahl­rei­che bös­ar­ti­ge Wesen ver­fan­gen, die auf fri­sche Beu­te warten…