Weni­ger ist so viel mehr – wie ich in Por­tu­gal der Kon­sum­fal­le entkam

Es heißt „all pro­gress takes place out­side the com­fort zone“, aber man merkt erst was der Spruch wirk­lich bedeu­tet, wenn man sich aus sei­ner Kom­fort-Zone her­aus bewegt. Wenn aus der blu­mi­gen Theo­rie des Kalen­der­spruchs die pure Rea­li­tät wird, stellt sich der Lern­ef­fekt über­ra­schend deut­lich ein.

Wie es pas­sie­ren konn­te, weiß ich nicht genau. Ich war plötz­lich da. Ähn­lich wie in einem Traum. Wäh­rend man schläft, kann man so pri­ma in Zeit und Raum her­um­sprin­gen, ohne sich nach der Uhr rich­ten zu müs­sen. Offen­sicht­lich geht das jetzt auch ohne Kopf­kis­sen. Ich habe es jeden­falls irgend­wie geschafft. Ich bin im Para­dies, obwohl ich nicht mal den Weg dahin kannte. 

Die­ser Bei­trag stammt aus dem Jahr 2017, das The­ma erfreut sich aber ver­blüf­fen­der Aktualität.

Gestran­det in Portugal

Dafür, dass ich eigent­lich in Spa­ni­en über­win­tern woll­te, bin ich ziem­lich von der Rou­te abge­kom­men. Und das ist gut so. Manch­mal muss man halt Umwe­ge neh­men. Noch mal so rich­tig auf die Fres­se fal­len, bevor man das gelob­te Land auf Hän­den und Füßen krie­chend erreicht. Mit den Augen auf Schä­fer­hund-Niveau kann man sich ein Clos­e­up von der Boden­be­schaf­fen­heit sei­nes Lebens­we­ges machen. Dann kämpft man sich zurück auf die Füße – und sie­he da: die Welt schaut auf ein­mal ganz anders aus.

Tarifa habe ich end­lich abge­hakt. Es war inso­fern eine Erfah­rung wert, als dass ich so drin­gend aus Deutsch­land weg woll­te, dass mir egal war wohin. Nach mei­ner Bruch­lan­dung in Süd­spa­ni­en ging die Suche von vor­ne los. Unter den sel­ben Vor­aus­set­zun­gen – näm­lich fast ohne Geld.

Doch Krea­ti­vi­tät schlägt Budget.

Also lan­de­te ich im Janu­ar 2017 auf einem Cam­ping­platz in Por­tu­gal. In einem knuf­fi­gen klei­nen Wohn­wa­gen. Dar­in konn­te ich trotz 0 Grad nächt­li­cher Außen­tem­pe­ra­tur pri­ma schla­fen. Und tags­über wärm­te eine klei­ne Elek­tro­hei­zung, sodass ich sogar an mei­nem Rech­ner arbei­ten konn­te. Ein Bäch­lein plät­scher­te vor dem Wohn­wä­gel­chen ent­lang, rings­um war Natur pur. Alles etwas rau, sta­che­lig und win­ter­lich kahl, aber den­noch fan­tas­tisch! Nach mei­ner Exkur­si­on in die akus­ti­sche Fol­ter­höl­le des Yoga­klubs in Tarifa war ich dort, wo ich hin woll­te: in der Stille.

Es war klar, dass ich bei 10 € Tages­ge­bühr nicht lan­ge in dem Wägel­chen wer­de woh­nen kön­nen. Des­halb hör­te ich mich bei den Betrei­bern des Cam­ping­plat­zes nach mög­lichst kos­ten­güns­ti­gen Dau­er­wohn­ge­le­gen­hei­ten in der Umge­bung um. Dass ich unbe­dingt vor Ort blei­ben woll­te, des­sen war ich mir 100 %ig gewiss.

Das Schick­sal mein­te es gut mit mir. Die hilfs­be­rei­ten Men­schen vom Cam­ping­platz wuss­ten, wer in der Umge­bung ver­mie­tet, und 5 Tage nach mei­nem Ein­tref­fen in Por­tu­gal bezog ich ein gemüt­li­ches Zim­mer bei einer sym­pa­thi­schen Hol­län­de­rin – für eine erschwing­li­che Monats­mie­te und ohne Zeitlimit.

Die­ser wun­der­schö­ne Wohn­wa­gen war für 5 Tage mein Zuhause

Ein neu­es Zuhause

Mei­ne hol­län­di­sche Ver­mie­te­rin Moni­que, Hund Lea und Kat­ze Mimi nah­men mich herz­lich in ihre Fami­lie auf und gaben mir das, was ich so lan­ge gesucht hat­te: einen Platz zum ankom­men. Und zwar bei mir selbst.

Aus schlau­en Büchern wuss­te ich, dass man in sich selbst ruhen muss bevor man „im Außen“ Ruhe fin­den kann. Lei­der war ich mir mein Leben lang selt­sam fremd gewe­sen. Stän­di­ge Umzie­he­rei mit Sack und Pack brach­ten nicht den gewünsch­ten Erfolg. Ich fühl­te mich fehl am Platz – innen und außen. Und nun das!

Schon in dem Moment, als ich an jenem kal­ten Janu­ar­tag über die Spa­nisch-Por­tu­gie­si­sche Gren­ze gefah­ren war, hat­te ich das Gefühl ange­kom­men zu sein. Und nun, als ich in dem Haus auf dem Berg ein­zog, nahm mei­ne Ver­wand­lung ihren Lauf. Aller­dings ganz anders, als erwartet.

Ich woll­te eigent­lich ganz viel schrei­ben. An mei­nem neu­en Buch, auf mei­nem Blog und für Maga­zi­ne. Ich dach­te, ich könn­te mei­ner Krea­ti­vi­tät end­lich ganz und gar frei­en Lauf las­sen, da ich ja nun ein so gemüt­li­ches Plätz­chen fern­ab der Hams­ter­rad-Gesell­schaft gefun­den hat­te. Aber nix ging. Kein brauch­ba­rer Text woll­te mir aus den Fin­gern sprie­ßen, mei­ne Arbeit als Gra­fi­ke­rin kos­te­te mich rie­si­ge Anstren­gung und ich pro­kras­ti­nier­te so schlimm wie eh und je. Das ein­zi­ge, was ganz von allei­ne kam, war die Freu­de am Foto­gra­fie­ren mit dem Mobil­te­le­fon. Ich fing an, wie wild Fotos auf Insta­gram hoch­zu­la­den und freu­te mich über jeden Like wie ein klei­nes Kind. Mit dem iPho­ne in der Hand rann­te ich jeden Mor­gen zu mei­ner Lieb­lings-Hol­län­de­rin und berich­te­te ihr vor Freu­de hüp­fend von mei­nen Fol­lo­wer­zah­len. Na ja. Das war ja irgend­wie nied­lich, aber Geld brach­te es nicht in die Kas­se. Doch egal, was ich auch anstell­te, egal wie vie­le Fla­schen von dem guten – und kos­ten­güns­ti­gen – Alen­te­jo-Wein ich zur Moti­va­ti­ons­stei­ge­rung trank, ich war immer noch in der Arbeitsverweigerungsfalle.

Doch irgend etwas in die­sem Uni­ver­sum ist so viel schlau­er als wir, und die­ses Etwas führ­te mich an der Hand. Ohne dass ich es bewusst wahr nahm, wur­de ich immer wie­der hin­aus getrie­ben, in die­se kras­se Natur von Alen­te­jo. Ich stapf­te durch Wild­wuchs und klet­ter­te über jahr­hun­der­te­al­te Grund­stücks­mau­ern, trank aus Quel­len und sam­mel­te Pini­en­zap­fen. Ich atme­te die unver­brauch­te Luft der Frei­heit und fühl­te mich mit jeder der gro­ßen, majes­tä­ti­schen Kork­ei­chen tief verbunden.

Wie die Kork­ei­chen ihre Äste, reck­te ich mei­ne Arme in die Höhe und woll­te die Welt umar­men. Ich begrüß­te den Wind, beob­ach­te­te die Raub­vö­gel am Him­mel und genoss die ein­sa­me, sprö­de Gegend, als erleb­te ich die letz­ten Tage mei­nes Lebens.

Drei Klet­ter­künst­le­rin­nen: Hün­din Lea, Kat­ze Mimi und ich haben gemein­sam den mas­si­ven Stamm einer seit­lich aus dem Berg her­aus­ra­gen­den Kork­ei­che geentert

Der lan­ge Arm des Gewissens

Mit jedem Tag, den ich mich vor mei­ner Arbeit drück­te, plag­te mich jedoch mein schlech­tes Gewis­sen. Mit jedem Euro, den ich aus­gab, wur­de mein Schul­den­berg grö­ßer. Doch irgend­wann ver­stand ich, dass es kei­nen Zweck hat, gegen höhe­re Mäch­te zu kämp­fen. Ich ergab mich mei­nem Schick­sal, trös­te­te mich über mei­ne man­geln­de Arbeits­leis­tung hin­weg, indem ich viel im Haus­halt half, mei­ne Ver­mie­te­rin bekoch­te und den Hund durch die ewig lan­gen gemein­sa­men Spa­zier­gän­ge glück­lich machte.

Doch das schlech­te Gewis­sen gab nicht auf. Es ent­brann­te ein regel­rech­ter Kampf zwi­schen uns. Wenn ich in der Natur unter­wegs war, lief ich manch­mal so schnell ich konn­te, oder blieb abrupt ste­hen, um dem Satans­bra­ten zu ent­kom­men. Lei­der fand er mich immer wie­der. So lan­ge, bis ich eines Tages ver­stand, wer hin­ter die­sem hart­nä­cki­gen Ver­fol­ger steck­te: nie­mand ande­res als ich selbst.

Es muss wohl irgend­wo zwi­schen mei­nen Lieb­lings­fel­sen pas­siert sein, beim Klet­tern über schrof­fes Gestein, beim vor­sich­ti­gen durch­strei­fen der sta­che­li­gen Büsche, beim beob­ach­ten der herr­lich unbe­küm­mer­ten Hün­din Lea, dass mir lang­sam däm­mer­te, wie sehr ich das schlech­te Gewis­sen an mich gebun­den hat­te – und nicht umge­kehrt. Ich stell­te mir das schlech­te Gewis­sen plötz­lich als ein gigan­ti­sches Ener­gie­feld vor, das von vie­len Men­schen gefüt­tert wird und stän­dig mehr Nah­rung braucht. Genau wie ich, wenn ich hung­rig bin, ist die­ses Feld übel gelaunt und möch­te sei­ne Zäh­ne in die nächs­te Beu­te schla­gen. Ein wirk­lich unan­ge­neh­mer Zeitgenosse.

Nach­dem ich mir sei­ner Exis­tenz so unver­hofft bewusst gewor­den war, woll­te ich das Ener­gie­feld nicht mehr füt­tern. Ich woll­te dazu ste­hen kön­nen, dass ich mei­ne Zeit für mei­ne eige­ne Ent­wick­lung brau­che, statt mich täg­lich zu pei­ni­gen, weil ich so eine Ver­sa­ge­rin bin. Also blieb ich ste­hen, lös­te die Ver­bin­dung und gab dem uner­wünsch­ten Beglei­ter die Freiheit.

Nach­dem ich mich sym­bo­lisch abge­kop­pelt hat­te, fühl­te ich eine unglaub­li­che Leich­tig­keit. Ich bekam Flü­gel und konn­te mit den Schmet­ter­lin­gen tan­zen. Mein Geist war frei. Ich dach­te, es wür­de sich nun alles ver­än­dern. Ich wür­de mit Freu­de arbei­ten und end­lich mehr Geld verdienen.

Doch das Gefühl hielt nicht lan­ge an.

Das schlech­te Gewis­sen kam zurück und ver­speis­te mei­ne Leich­tig­keit zum Früh­stück. Mei­ne Qua­len waren wie­der da, ich schäm­te mich.

War­um nahm ich das bloß alles so schwer?

Ver­mut­lich hat es damit zu tun, dass Arbeit als etwas hei­li­ges gilt. Als Schlüs­sel zum Para­dies. Man muss Opfer brin­gen. „Ohne Fleiß kein Preis“, kriegt man schon im ers­ten Schul­jahr ein­ge­trich­tert. Man kriegt Obdach­lo­se oder ande­re angeb­lich geschei­ter­te Exis­ten­zen als abschre­cken­des Vor­bild gezeigt. Wer sei­ne Arbeit ver­liert, setzt alles dar­an, sich schnellst­mög­lich wie­der bei einer neu­en Fir­ma anzubiedern.

Anmer­kung: als ich die­sen Bei­trag in 2017 ver­fass­te, hat­te ich noch kei­ne Ahnung davon, dass ich Ende 2025 einen voll­stän­di­gen Burn­out erlei­den wer­de. Qua­si als Beweis dafür, dass ich mit mei­nen Erkennt­nis­sen über die Ein­stel­lung zur Arbeit genau rich­tig lag – sie aber all die Jah­re wei­ter igno­riert habe.

Lea liebt die Leich­tig­keit beim Klettern

Ohne Moos nix los

Wenn man lang­fris­tig arbeits­los ist, gerät man sogar in einen Stru­del aus Scham­ge­fühl, der sich gewa­schen hat. Man­che Betrof­fe­nen wer­den von der Gesell­schaft regel­recht aus­ge­spuckt und zu allem Über­fluss durch Wie­der­ein­glie­de­rungs­maß­nah­men vom Job­cen­ter ernied­rigt. Man ist in der Gesell­schaft nichts wert, wenn man nicht arbei­tet. Man ist ihr nicht „dien­lich“. Man ist nicht (be-)steuerbar.

Man ver­leiht sei­nem All­tag kei­nen ech­ten Sinn. Sei­ne Arbeits­leis­tung frei­wil­lig zurück zu schrau­ben, bedeu­tet ent­we­der, dass man Self­ma­de-Mil­lio­nä­rIn, hoch­schwan­ger oder ein fau­les Dreck­stück ist.

So lan­ge ich Geld aus­ge­ben will, muss ich es auch ein­sam­meln, das habe ich durch­aus begrif­fen. Aber Geld und Arbeit sind nicht in dem Maße mit­ein­an­der ver­bun­den, wie es die meis­ten Men­schen glau­ben. Vie­le flei­ßi­ge Hän­de erhal­ten so gut wie kein Geld für ihre Arbeit und ande­re sah­nen so viel ab, dass sie sich immer kost­spie­li­ge­re Luxus­gü­ter kau­fen müs­sen, um noch ein biss­chen Freu­de am Geld zu haben. Am liebs­ten sind mir die gan­zen neu­en Gurus, die behaup­ten, man könn­te allein durch das rich­ti­ge Mind­set zum schwer­rei­chen Super­star avan­cie­ren. In gewis­ser Hin­sicht stimmt das, doch sie spie­len mit der Gier der Men­schen und ver­kau­fen ihnen qua­si eine Wun­der­tink­tur in Buch­form. Wie die Quack­sal­ber im Mit­tel­al­ter… Wenn wir alle Mil­lio­nä­re und Super­stars wer­den wol­len – wel­cher Idi­ot kauft dann unse­re Bücher, Schall­plat­ten oder Kos­me­tik­li­nie, wer stellt den Krem­pel her, wer pflegt die Kran­ken, putzt euer Klo, unter­rich­tet die Kin­der? Schon mal drü­ber nach­ge­dacht, ihr Schlaumeier?

Mei­ner Mei­nung muss eine gewal­ti­ge Neu­ver­tei­lung des Gel­des statt­fin­den. Aber dar­über zu phi­lo­so­phie­ren bin ich nicht befugt.

Genau wie vie­le ande­re habe ich in mei­nem Leben ziem­lich häu­fig die Gesund­heit auf dem Altar der Kir­che namens Fleiß geop­fert, um mir ein schi­ckes Leben finan­zie­ren zu kön­nen. Mit dem Ergeb­nis, dass ich unter kör­per­li­chen Qua­len vor dem Rech­ner saß, um Geld zu ver­die­nen, das ich statt für die schö­nen Din­ge, in zuneh­men­dem Maße für Medi­ka­men­te, diä­ti­sche Ernäh­rung und Phy­sio­the­ra­pien aus­ge­ben muss­te. Echt clever…

Eine der schöns­ten Kir­chen in Por­to: Igre­ja de San­to Ildefonso

Eine Kir­che namens „Arbeit“

Irgend­wann wur­de mir zum Glück doch noch bewusst, dass ich mich wie ein Voll­idi­ot ver­hal­te – und dann woll­te ich sofort aus die­ser Kir­che aus­tre­ten. Aber statt die Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men, schimp­fe ich erst mal gewal­tig auf die Gesell­schaft. Ich woll­te kon­su­mie­ren kön­nen und des­halb gutes Geld ver­die­nen. Ich woll­te nicht von der Gesell­schaft aus­ge­spuckt wer­den, son­dern mit Freun­den Cock­tails trin­ken oder Essen gehen kön­nen. Ich woll­te mich gut klei­den und mir

hoch­wer­ti­ge Bio-Nah­rungs­mit­tel kau­fen kön­nen. Doch egal, wie ich mich auch ver­bog, ich war in einem Dilem­ma gefan­gen. Die Gesell­schaft mach­te mir klar, dass ich nur durch Stra­pa­zen oder eine cle­ve­re Geschäfts­idee zu einem hohen Lebens­stan­dard gelan­gen wür­de. Lei­der bin ich nicht skru­pel­los genug, um ande­ren Men­schen „The Secret“ oder ähn­li­che moder­ne Bibeln zu ver­kau­fen, und mich noch mehr für mein Ein­kom­men schin­den zu müs­sen, woll­te ich nicht hinnehmen.

Damals war ich mir nicht bewusst, dass ein hoher Lebens­stan­dard gar nicht vom Geld abhängt. Aber ich hat­te mich ein­fach zu sehr von der Vor­stel­lung ande­rer beein­flus­sen las­sen. Von den Geschich­ten beruf­lich erfolg­rei­cher Men­schen, die so viel Geld ein­neh­men, dass sie sich alles leis­ten kön­nen – sogar Freizeit.

Eines muss ich hier drin­gend erwäh­nen: ich will die Kir­che der Arbeit nicht ein­fach so ver­teu­feln. Es gibt vie­le wich­ti­ge Jobs. Und ohne man­che Beru­fe wür­de unse­re Gesell­schaft sogar zusam­men­bre­chen. Den Men­schen, die täg­lich ihren Bei­trag zum Woh­le ande­rer leis­ten, gebührt mei­ne Hoch­ach­tung und mein Dank aus tiefs­tem Her­zen – auf Arbeit­neh­mer- wie auch auf Arbeit­ge­ber­sei­te. Und die Arbeit der Haus­frau­en und ‑män­ner möch­te ich aus­drück­lich dazu zäh­len! Außer­dem kann Arbeit auch enorm viel Erfül­lung brin­gen; die­se Erfah­rung ist nicht nur uns Künst­lern vor­be­hal­ten. Doch nach­dem ich vie­le Jah­re lang Raub­bau an mir betrie­ben hat­te, kam ich zu dem Ergeb­nis, dass ich zwi­schen Selbst­aus­beu­tung und bewuss­ter Leis­tungs­er­brin­gung unter­schei­den muss. Ich ent­schloss mich, die Ver­ant­wor­tung für mein eige­nes (Arbeits-)Leben zu über­neh­men und einen Weg zu fin­den, der zu mir passt.

Es ist ein lan­ger Weg.

Im Hot­spot für Digi­ta­le Noma­den (Küs­ten­ort Tarifa in Süd­spa­ni­en) muss­te ich dann auch mal stil­echt im Café sit­zen und am Mac­Book arbeiten.

Immer wie­der das Hamsterrad

Was mich immer wie­der in mei­ner Ent­wick­lung zurück warf, war das schlech­te Gewis­sen. Es zog mich hin­un­ter, mach­te mich krank, setz­te mich arbeits­mä­ßig kom­plett außer Gefecht. Ich dach­te, ich wür­de ande­ren Men­schen etwas weg­neh­men oder vor­ent­hal­ten, wenn ich nicht im sel­ben Hams­ter­rad mit­lau­fe. Doch nach und nach mani­fes­tier­te sich in mir der Gedan­ke, dass die gesam­te Arbeits­si­tua­ti­on viel­leicht einem Irr­tum unter­liegt. Dem Irr­tum, dass es nicht anders geht. Der Kreis­lauf aus Kon­sum und Arbeits­leis­tung hält uns auf Trab und lässt uns nicht zum Nach­den­ken kom­men. Es wird stän­dig pro­du­ziert und ver­kauft, pro­du­ziert und ver­kauft. Waren, Dienst­leis­tun­gen, Akti­en, Iden­ti­tät. Men­schen wer­den genö­tigt zu kau­fen, auch wenn sie gar nichts brau­chen – nur um Jobs zu schaf­fen und Share­hol­der zu beglü­cken. Doch all jene Jobs, die lie­ber nie­mand täte, wie zum Bei­spiel gif­ti­ge Che­mi­ka­li­en in der Natur ent­sor­gen, Men­schen mit dem Ver­kauf von Schrott-Immo­bi­li­en betrü­gen oder schlicht­weg maß­lo­se Aus­beu­tung von „Human Capi­tal“ welt­weit, offen­ba­ren den gan­zen Wahn­sinn. Aus­zu­stei­gen bedeu­tet, dass man die Augen öff­nen und die eige­ne Ver­ant­wor­tung für das „Gro­ße Gan­ze“ akzep­tie­ren muss. Dass der Arbeits­platz, den man aus­füllt, viel­leicht an ande­rer Stel­le für Elend, Hun­ger und Unter­drü­ckung sorgt. Dass man durch das täg­li­che Pen­deln mit dem Auto zur Arbeits­stel­le an der Zer­stö­rung der Umwelt betei­ligt ist. Dass man sei­nen Kin­dern die schöns­te Zeit im Leben ver­saut, weil man sie zu klei­nen Kon­sum­mons­tern erzieht, die nur dar­auf gie­ren, sich tol­le Sachen kau­fen zu kön­nen. Auch wenn schon seit über hun­dert Jah­ren schlaue Men­schen das Ende des Wirt­schafts­wachs­tums pro­phe­zei­en, sind wir noch nicht am Ende ange­langt. Doch alles braucht sei­ne Zeit, ein voll bela­de­nes Con­tai­ner­schiff hat einen ver­dammt lan­gen Brems­weg. Um eine Kata­stro­phe zu ver­hin­dern, muss man recht­zei­tig die Rou­te ändern.

Ich arbei­te dran.

Natür­lich kann nicht jeder Mensch glei­cher­ma­ßen an die Sache her­an gehen. Ich ken­ne eine Men­ge Leu­te die sich abstram­peln müs­sen, um ihre Fami­lie über Was­ser zu hal­ten, die jeden Scheiß­job anneh­men, um sich wenigs­tens das nötigs­te leis­ten zu kön­nen. Die nicht mal eine Wahl haben, ob sie im Bil­lig­dis­coun­ter oder im Fair­trade-Shop kau­fen. Die nie auf die Idee kom­men wür­den, das gan­ze Sys­tem in Fra­ge zu stel­len, weil sie kei­ne Res­sour­cen dafür frei haben. Und das kann ich nur schwer ertragen.

Ich selbst war auch schon oft in Not­si­tua­tio­nen, habe in zwei Jobs oder fast rund um die Uhr gear­bei­tet, habe mein Spar­schwein geschlach­tet, um mir Nah­rungs­mit­tel kau­fen zu kön­nen. Ich habe gekell­nert und geputzt oder mich selbst ernied­rigt, indem ich mich von männ­li­chen Auf­trag­ge­bern begrap­schen ließ. Aller­dings habe ich auch ein paar Jah­re lang weit über mei­ne Ver­hält­nis­se gelebt und es mir gut gehen las­sen. Bis zum finan­zi­el­len Desas­ter, aus dem ich mich über 13 Jah­re lang wie­der her­aus arbei­ten muss­te. Irgend­wann war mei­ne Gesund­heit völ­lig im Arsch.

Dadurch konn­te ich nicht arbei­ten und der Teu­fels­kreis begann von vorn. Oft konn­te ich nur Dank der Hil­fe von Freun­den irgend­wie über­le­ben. Häu­fig stand ich kurz vor einem Selbst­mord, weil ich den Druck nicht mehr ertra­gen konn­te. Ich fühl­te mich wie der letz­te Idi­ot – unfä­hig in der Arbeits­welt zu bestehen, unfä­hig mit Geld umzu­ge­hen und des­halb kom­plett nutz­los. Und ich hader­te immer mehr mit dem Sinn des gan­zen Geldverdienen-Konsum-Geldverdienen-Systems.

Mein 1 kg schwe­rer Scho­ko­la­den­ha­se von 2019. Wir sind nun im Jahr 2026 und den Hasen habe ich immer noch. Jedes Jahr zu Ostern wird er aus sei­ner Plas­tik­ver­pa­ckung geholt und ver­schwin­det danach wie­der im Schrank. Bis­lang zeigt sei­ne Form kei­ne Ermüdungserscheinungen.

Jetzt oder nie

Irgend­wann merk­te ich, dass ich ent­we­der zu Grun­de gehen wer­de oder aus­bre­chen muss. Also ent­schloss ich mich, Ver­ant­wor­tung für mein eige­nes Wohl­erge­hen zu über­neh­men. Ein­fach so. Es brauch­te aber erst die lan­gen Spa­zier­gän­ge im rau­en Alen­te­jo, bis ich das schlech­te Gewis­sen gegen­über ande­ren Men­schen – arbei­ten­den Men­schen – all­mäh­lich über­win­den konnte.

Ich pfei­fe nun auf die Ansprü­che ande­rer und win­ke das schlech­te Gewis­sen gleich durch, wenn es mal wie­der bei mir zum Früh­stück blei­ben will. Neben­bei prak­ti­zie­re ich den Kon­sum­ver­zicht und tra­ge somit auf zwei Wegen ein biss­chen zur Welt­ver­bes­se­rung bei. Ers­tens, indem ich das all­ge­mei­ne Den­ken über Fleiß und Preis nicht mehr tei­le und zwei­tens, indem ich so weit wie mög­lich Pro­duk­te ver­mei­de, die unter men­schen­un­wür­di­gen Bedin­gun­gen pro­du­ziert wer­den, die Umwelt belas­ten, Tier­leid erzeu­gen oder ein­fach nur über­flüs­sig sind. Natür­lich kann ich noch viel ver­bes­sern und wer­de kein Anti­kon­sum­na­zi, doch der wich­tigs­te Schritt ist getan: ich bin mir bewusst, was ich tue. Ich bin tat­säch­lich von mei­nem Kon­sum­zwang geheilt. Ich habe mei­ne Ansprü­che her­un­ter geschraubt und kann dadurch mit deut­lich weni­ger Ein­kom­men leben. Mei­ne Krea­ti­vi­tät und mei­ne Unab­hän­gig­keit sind sehr hilf­reich, bei dem Erfor­schen kos­ten­güns­ti­ger Lebens­räu­me. In Gegen­den, wo hohe Arbeits­lo­sig­keit herrscht, wo vie­le Häu­ser leer ste­hen, sam­meln sich Men­schen, die bewusst oder unfrei­wil­lig mit wenig Kon­sum leben. Wenig Stress, viel Frei­heit. Erst wenn man genau hin­schaut, merkt man, wie wert­voll die Zeit ohne Kon­sum ist. Ich strei­fe durch die Wild­nis und beob­ach­te die Schmet­ter­lin­ge, Eidech­sen und Insek­ten und stel­le fest, mit wie viel Leich­tig­keit sie ihrem Tages­ge­schäft nach­ge­hen und zwi­schen­durch in der Son­ne tan­zen oder fau­len­zen. Wie die Raub­vö­gel in der auf­stei­gen­den Luft an unse­rem Berg in die Höhe schwe­ben und dabei ihren Spaß haben. Nur Men­schen kön­nen den­ken, dass Tie­re den gan­zen Tag mühe­voll ihre Nah­rung zusam­men tra­gen und kei­ne Freu­de dar­an haben. So ein Ver­hal­ten ist uns zivi­li­sier­ten Men­schen vorbehalten.

Ich weiß alle schö­nen Din­ge zu schät­zen und ver­mis­se das Waren­an­ge­bot in Deutsch­land durch­aus manch­mal. Hier in der Gegend gibt es kei­nen Öko-Super­markt und wenig diä­ti­sche Lebens­mit­tel. Doch ich kann jetzt mit Leich­tig­keit auf vie­les ver­zich­ten. Ich emp­fin­de kei­ne Scham mehr dar­über, dass ich nicht mit ande­ren finan­zi­ell mit­hal­ten kann, weil ich oft unter Gleich­ge­sinn­ten bin. Und weil die Urein­woh­ner von Alen­te­jo nicht so Kon­sum­ori­en­tiert sind, wie die meisten

Men­schen in Deutsch­land. Man zieht sich und sei­ne Kin­der gut an, aber man trägt nicht zwang­haft teu­re Mar­ken. Man fährt ein Auto, aber es muss nicht unbe­dingt ein Sta­tus­sym­bol sein, und man gibt sich mit einem deut­lich gerin­ge­ren Waren­an­ge­bot zufrie­den, als der Durch­schnitts­bür­ger in Ger­ma­ny. Ich bin sozu­sa­gen vor einem Super­markt­re­gal im por­tu­gie­si­schen Hin­ter­land aufgewacht.

Natür­lich hat das Gan­ze Nach­tei­le. Mein Auto braucht neue Rei­fen und mein Ess­ge­schirr braucht eine Kro­ne. Wann und wie ich die­se Anschaf­fun­gen finan­zi­ell bewäl­ti­ge, wird sich zei­gen. Wie gesagt, alles braucht Zeit. Ich prak­ti­zie­re ein schritt­wei­ses Annä­hern an eine neue Lebens­si­tua­ti­on und gehe mög­lichst krea­tiv damit um. Mein Weg kann ein Bei­spiel sein oder auch nicht. Eine Por­ti­on Mut und Aben­teu­er­lust kann nicht schaden.

Ich, ganz glück­lich dar­über, dass Spa­zie­ren­ge­hen nix kos­tet. (Sel­fie von 2017)

Der Weg aus dem Irrtum

Vie­le Men­schen in mei­nem Umfeld haben mich unter­stützt, die­ses Pro­jekt umzu­set­zen und denen kann ich gar nicht genug dan­ken. Ich hat­te nie ein dickes Bank­kon­to als Auf­fang­netz und kei­ne gute Start­hil­fe fürs Leben und ich habe mich meis­tens dafür geschämt, von ande­ren abhän­gig zu sein. Aber mir ist inzwi­schen fol­gen­des klar gewor­den: auch wenn man im all­ge­mei­nen Hams­ter­rad stram­pelt, ist man abhän­gig von ande­ren. Es ist ja schließ­lich ein Kreis­lauf. Jemand erschafft, jemand kauft. Die Arbei­te­rIn­nen bei VW sind von den Men­schen abhän­gig, die einen VW kau­fen. Jeff Bezos ist davon abhän­gig, dass Leu­te bei Ama­zon bestel­len. War­ren Bu“et ist davon abhän­gig, dass Men­schen Waren oder Leis­tun­gen erzeu­gen, auf die er spe­ku­lie­ren kann…

Ich den­ke, wir soll­ten uns abkop­peln, von den alten Gedan­ken über Arbeit und Lohn und Kon­sum und dem, was wir angeb­lich für die Gesell­scha# leis­ten müs­sen. Sie basie­ren mei­ner Mei­nung nach auf einem Irr­tum. Ich den­ke, es ist kei­ne schwach­sin­ni­ge Uto­pie, dass wir Men­schen eine neue Arbeits- und Lebens­si­tua­ti­on ent­wi­ckeln kön­nen. Wir soll­ten das nicht irgend­wel­chen Vor­den­kern und gewiss nicht unse­ren Arbeit­ge­bern überlassen.

Und wie sieht denn nun der Weg dahin aus? Ganz ein­fach: rund 1.600 km nach Süden fah­ren, rechts abbiegen.

Anmer­kung: inzwi­schen ist klar gewor­den, dass ich nicht ein­fach unfä­hig bin, das Leben zu meis­tern, son­dern eine Kom­ple­xe Post­trau­ma­ti­sche Belas­tungs­stö­rung zugrun­de liegt. Und weil die­ses The­ma so vie­le Men­schen betrifft, und das Wis­sen dar­über die Welt ver­än­dern könn­te (Zitat von einer der belieb­tes­ten Exper­tin­nen auf die­sem Gebiet: Vere­na König), wer­de ich dazu noch eini­ges schreiben.